## **XV - 1.4.2 Friedrich Fenzl - Ein buddhistischer Sozialethiker**
Volker Zotz
Einleitung
„Wir modernen westlichen Menschen nehmen alles zu selbstverständlich. In unserem Ich-Dünkel, in unserer faustischen Überheblichkeit der scheinbaren völligen Unabhängigkeit und des präpotenten Anhaftens an unserer irdischen Allmacht, übersehen wir eine wichtige Eigenschaft echter Religiosität, die mit einem Wort umschrieben wird, das vielleicht in den Ohren vieler unserer Zeitgenossen altmodisch, aus der Mode gekommen klingen mag: nämlich Demut.“1
Der Österreicher Friedrich Fenzl (1932-2014), der hier Bescheidenheit und Hingabe als Aspekte einer religiösen Haltung betont, nimmt im 20. Jahrhundert einen besonderen Platz unter den Buddhisten des deutschen Sprachraums ein. Über Jahrzehnte war er ein Vermittler des Mahāyāna, als dieses in Europa unter buddhistisch Interessierten noch kaum ein Echo fand. Untypisch für westliche wie asiatische Buddhisten seiner Zeit propagierte Fenzl eine sozial engagierte und auf den Dienst am Nächsten fokussierte Religiosität, für die er als Aktivist und in Schriften eintrat.
Darüber hinaus förderte er die Entwicklung der buddhistischen Bewegung, indem er an der Gründung
Institutionen und Gemeinschaften mitwirkte.
„Fenzl war am Aufbau der Europäischen Buddhistischen Union beteiligt und 1976 ihr erster Vizepräsident.“2
Er rief 1977 mit der Buddhistischen Gemeinschaft Salzburg die erste derartige Gruppe im Westen Österreichs ins Leben. 1980 gründete er in Wien die Buddhistische Gemeinschaft Jōdo Shinshū. Fenzl gehörte zu den Initiatoren der 1983 staatlich anerkannten Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft. Zudem war ihm der Dialog der Religionen ein Anliegen, wie der Theologe Perry Schmidt-Leukel formulierte:
„Weil er wusste, dass Mitgefühl unbegrenzt ist, war sein Herz auch von einer wahrhaft ökumenischen Offenheit geprägt: nicht nur, was die innerbuddhistische Ökumene betrifft, sondern eben auch die Offenheit unter den Menschen verschiedener religiöser Traditionen.“3
Ein Weg zum Buddhismus
Friedrich Fenzl4 kam am 4. November 1932 im kleinen Dorf Kienberg an der Moldau zur Welt, heute Loučovice in Tschechien. Die wenige Kilometer entfernte Zisterzienserabtei Hohenfurth (Vyšší Brod), das spirituelle und wirtschaftliche Zentrum der hügeligen Region des Böhmerwalds, war Fenzl in der „Kindheit eine ‚Gralsburg‘, die aus dem Morgennebel auftaucht“5 . Als Sohn eines Berufsschuldirektors wuchs er in einer katholischen Familie auf, der Religion und Bildung als hohe Werte galten.
Für das Kind war kulturelle wie sprachliche Diversität ein natürlicher Teil des Alltags. In Südböhmen lebten mehrheitlich Deutschsprachige. Doch bildeten diese als ein Fünftel der Gesamtbevölkerung die Minderheit in der Tschechoslowakei, mit deren Gründung 1918 Tschechisch und Slowakisch offizielle Landessprachen wurden.
Die stille Umgebung des Dorfs erlaubte Fenzl in den ersten Lebensjahren intensive Begegnungen mit der Natur und innere Erlebnisse, die er später buddhistisch deutete. So glaubte er,
„schon in aller frühester Kindheit durch ein ungewöhnliches Ereignis - und das trotz anders gearteter religiöser Erziehung - mit der Problematik der Wiedergeburt und der Wiedergeburtserinnerung konfrontiert“
worden zu sein.6
Die sorglose Kindheit beendete 1938 das Münchner Abkommen, das Fenzls Heimat dem Deutschen Reich anschloss. Der Staat hob die Abtei Hohenfurth auf, was den Menschen ihren geistigen Mittelpunkt raubte. Der Schüler erlebte schmerzhaft, wie die offiziellen nationalsozialistischen Hassbotschaften das katholisch geprägte Bewusstsein seines Umfelds herausforderten. Der Zweite Weltkrieg mündete für die deutschsprachigen Südböhmens schließlich in Enteignung und Vertreibung. Fenzl resümierte später:
„Ich bin im Bombenhagel gelegen, musste Exekutionen miterleben, bin um mein Leben gerannt (ich war zweimal in meinem Leben Flüchtling) und habe Hunger und Entbehrungen kennengelernt.“7
Als die Familie in Kuchl im Salzburger Land ein neues Heim fand, blieb der 14-Jährige in innerer Unruhe. Er fühlte sich auf der Suche, ohne zu ahnen, was ihm fehlte.8 In Bibliotheken suchte er Antworten auf Fragen, die er nicht formulieren konnte. 1949 entdeckte der Siebzehnjährige in der Studienbibliothek der Salzburger Universität das 1888 erschienene Buch Buddhistischer Katechismus
von Subhádra Bhikschu. Hinter dem indischen Autorennamen verbarg sich der Mathematiker Friedrich Zimmermann (1852-1917), den Schopenhauers Werke zum …
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Der vollständige Artikel umfasst 20 Seiten
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