XIV - 5.1.8 Compassion als Brücke zwischen BNE und rBNE? - Zeitsensible Weiterentwicklung eines theologischen Prinzips [Compassion as a Bridge Between ESD and rESD? - Temporally Sensitive Advancement of a Theological Principle]
Maike Maria Domsel & Maurice Steffens
Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag beleuchtet das Potenzial einer zeitgemäßen Weiterentwicklung des Paradigmas der Compassion. Vor dem Hintergrund der Entwicklung dieses Paradigmas sowie der fachlichen wie didaktischen Grundprinzipien der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wird erörtert, inwieweit Compassion als vortheologische Größe verstanden werden und somit im Kontext einer Welttheologie als Verbindungselement fungieren kann. Vorliegend wird demnach Compassion als subjektorientierter Konnex zwischen ethischen Grundprinzipien und theologischen Anliegen nachhaltigen Lernens begriffen. Abschließend wird die hergeleitete Verbindung anhand dreier Praxisbeispiele belegt und so ein Ansatz aufgezeigt, wie die Aporie zwischen ökologischen Gegenwartsanliegen und erlebter Handlungsunfähigkeit überwunden werden könnte.
Schlagwörter: Compassion, Bildung für nachhaltige Entwicklung, spirituelle Suchbewegungen, Nachhaltigkeit, Subjektorientierung
Summary
This article explores the potential of a contemporary redefinition of the compassion paradigm. Against the backdrop of this paradigm’s evolution and the pedagogical principles of Education for Sustainable Development (ESD), the study examines to what extent Compassion can be understood as a pretheological element, serving as a connecting factor in the context of a world theology. In this context, compassion is conceptualized as a subject-oriented
Submitted April 05, 2024, and accepted for publication June 12, 2024 Editor: Maike Maria Domsel
link between ethical principles and theological concerns of sustainable learning. Finally, the derived connection is substantiated through three practical examples, attempting to bridge the gap between current ecological concerns and perceived helplessness.
Keywords: Compassion, education for sustainable development, spiritual quests, sustainability, subject orientation
1 Einleitung
_1.1 Thematische Hinführung und Problemaufriss_
Insbesondere in Zeiten des sozialen Wandels, der Vielfalt an Weltanschauungen und der zunehmenden Notwendigkeit erhöhter Ambiguitätskompetenz ist es wichtiger denn je, sich selbst und seine Handlungen auf persönlich validierte und gesellschaftlich akzeptierte Wertvorstellungen zu stützen, um (Handlungs-)Sicherheit zu erlangen. Zwei gesellschaftliche Anliegen, die einen theologischen Ursprung aufweisen und gleichzeitig vortheologische und vorspirituelle Dimensionen des gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebens prägen, sind soziale Verhaltensbereitschaft und nachhaltiges Leben. Die Coronapandemie und ihre Nachwirkungen haben beiden Anliegen eine besondere Bedeutung verliehen und die Notwendigkeit einer konsensfähigen Grundlage für compathische1 und nachhaltige Werte hervorgehoben. Compassion kann hierbei als Schlüssel zur Überwindung einer Aporie von Vorstellungen und alltagstauglichen Handlungen werden und somit zu einer nachhaltigeren Lebensweise inspirieren. Diese Aporie kann in Bezug auf Nachhaltigkeit entstehen, wenn individuelle Bedürfnisse und Interessen mit dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung kollidieren. Das vortheologische Paradigma der Compassion kann helfen, diese Aporie zu überwinden, indem es aufzeigt, dass eine nachhaltige Lebensweise nicht nur im Einklang mit den eigenen Werten und Überzeugungen stehen, sondern auch langfristige Vorteile für die Gesellschaft und die kommenden Generationen bieten kann. Der compathische Gedanke spielt hierbei eine zentrale Rolle in der theologischen Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit. Durch Mitgefühl bzw. Mitleidenschaft mit der Schöpfung und allen Gottesgeschöpfen wird eine tiefe Verbundenheit hergestellt. Diese kann Menschen dazu motivieren, nachhaltige Entscheidungen zu treffen und sich für den Schutz der Umwelt und das Wohlergehen aller einzusetzen.2
_1.2 Zielhorizont und Struktur_
Wenn der Papst in seiner Sozialenzyklika „‚Laudato si‘ - Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ aus einem sozialökologischen und katastrophentheoretischen Ansatz zur Reflexion über das Menschen-, Welt-, Schöpfungs- und Gottesverständnis aufruft und damit zur Umkehr ermutigt, entsteht die Notwendigkeit, den Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Religion eingehender zu untersuchen.3 Diese Suchbewegungen haben eine spirituelle Natur, insbesondere im Sinne einer vortheologischen und unideologischen Größe. Gerade in Krisenzeiten, in denen Menschen gezwungen sind, Altes und Vertrautes loszulassen und sich mit einer bedrohlich gewordenen Realität abzufinden, benötigen sie spirituelle Deutungsangebote von Welt und Mensch. An diesem Punkt wird das Forschungsfeld der …
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Der vollständige Artikel umfasst 22 Seiten
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