Domsel, Zwischen Zerrissenheit und Neuorientierung – Erinnerungslernen am Beispiel der Umsiedlung des Dorfes Keyenberg (Rheinisches Braunkohlerevier)

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XIV - 5.1.7 Zwischen Zerrissenheit und Neuorientierung - Erinnerungslernen am Beispiel der Umsiedlung des Dorfes Keyenberg (Rheinisches Braunkohlerevier) [Between disruption and reorientation - learning to remember using the example of the resettlement of the village of Keyenberg (Rhenish lignite mining area)] Maike Maria Domsel Zusammenfassung Der vorliegende Beitrag beleuchtet die vielschichtige Dynamik des Erinnerungslernens im Kontext der Umsiedlung des Dorfes Keyenberg aufgrund des Braunkohleabbaus. Dabei wird analysiert, wie die Gemeinschaft auf den Strukturwandel reagiert, mit den Herausforderungen der Zerrissenheit umgeht und sakrale Erinnerungsräume entstehen. Der christliche Glaube fungiert hierbei als Referenzpunkt und spiritueller Wegweiser im Umgang mit Verlust- und Trauererfahrungen, um Perspektiven für religiöse Gemeinschaften im Wandel zu bieten. Besonderes Augenmerk liegt auf der sensiblen Balance zwischen dem Bewahren kultureller Erinnerungen, dem Bedürfnis nach Neuanfang und der Bereitschaft, sich auf diesen Transformationsprozess einzulassen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen als praktischer Leitfaden für den Umgang mit Umbrüchen dienen, besonders im schulischen Kontext mit Kindern und Jugendlichen, die vermehrt mit Verlust- und Trauerprozessen konfrontiert sind. Schlagwörter: Umsiedlung, Braunkohleabbau, Keyenberg, Zerrissenheit, Passageriten, Erinnerungslernen, sakrale Erinnerungsräume, Transformationsprozess, religionspädagogische Leitlinien Submitted December 01, 2023, and accepted for publication April 01, 2024 Editor: Maike Maria Domsel Summary The present contribution examines the complex dynamics of memory learning in the context of the resettlement of the village of Keyenberg due to lignite mining. It analyzes how the community responds to structural changes, copes with the challenges of fragmentation, and develops sacred spaces of remembrance. The Christian faith serves as a reference point and spiritual guide in dealing with experiences of loss and mourning, aiming to provide perspectives for religious communities in transition. Special attention is given to the delicate balance between preserving cultural memories, the desire for a new beginning, and the willingness to engage in this process of transformation. The insights gained are intended to serve as a practical guide for dealing with upheavals, especially in the educational context with children and adolescents who are increasingly confronted with processes of loss and mourning. Keywords: Resettlement, lignite mining, Keyenberg, disintegration, passages, memory learning, sacred, memory spaces, transformation process, theological implications, religious educational guidelines 1 Einleitende Worte _1.1 Thematische Hinführung und Problemaufriss_ Derzeit präsentiert sich Alt-Keyenberg [Stadtteil von Erkelenz im Kreis Heinsberg/NRW] im Umfeld des Tagebaus Garzweiler II als wenig frequentierter Ort. Einst belebte Straßen sind verwaist, Rollläden heruntergelassen, Geschäfte geschlossen, und die Kirche bleibt unbenutzt und abgeriegelt. Erste Anzeichen des Verfalls werden sichtbar.1 Die internationale Aufmerksamkeit für Keyenberg resultierte aus dem ursprünglich geplanten Abriss und der Umsiedlung im Rahmen des Braunkohleabbaus. Jedoch führte die vorzeitige Entscheidung der Bundesregierung für den Kohleausstieg bis 2030 zu einer überraschenden Wendung. Einige Dörfer wurden vor einer vollständigen Devastation bewahrt, da die noch zu fördernde Kohlemenge im Vergleich zur ursprünglichen Planung reduziert wurde. In dieser Situation der Zerrissenheit haben die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner von Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich und Berverath - insgesamt etwa 1000 Personen - mehrheitlich ihre Heimatorte verlassen.2 Diese Entwicklungen führten zu einer lang anhaltenden Phase äußerster Unsicherheit, geprägt von der herausfordernden Frage, ob die vertraute Umgebung aufgegeben werden sollte und eine Umsiedlung notwendig werden würde oder ob am bisherigen Wohnort festgehalten werden könnte. Auch heute bleibt die Situation sowohl für die verbliebenen Bewohnerinnen und Bewohner als auch für die Umsiedlerinnen und Umsiedler ambivalent. Über Jahre gewachsene Gemeinschaften wurden auseinandergerissen, und es existieren teils Parallelwelten, etwa zwei Friedhöfe - der alte und der neue -, auf denen die Menschen ihrer verstorbenen Angehörigen gedenken. In den „alten“ Dörfern fehlt es zunehmend an Infrastruktur, und es bleibt unklar, welches Schicksal die sogenannten Geisterdörfer ereilen wird. Die scheinbar positive Wendung, dass die Orte erhalten bleiben, wird von verschiedenen Herausforderungen, emotionalem Widerstreit und gestörten Prozessen der Bewältigung von Trauer über die verlorene Heimat begleitet, was dieser transformativen Phase eine zusätzliche, sachliche Komplexität verleiht.3 _1.2 Fragestellung und Zielhorizont_ Im …
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