XIV - 5.1.1.11 Vom Schrei der Kreatur - Mit-Leidenschaft und Mit-Geschöpflichkeit als Impulse für eine religionspädagogische Nachhaltigkeitsethik [From the Cry of Creation - Compassion and Co-Creatorship as Foundations for a Religious Pedagogy of Sustainability Ethics] Maike Maria Domsel
Zusammenfassung
Angesichts der globalen ökologischen Krisen und der dringenden Notwen- digkeit einer ethischen Neuorientierung wird in diesem Beitrag die Rele vanz einer erweiterten Verantwortungsethik untersucht, die über den anthropozentrischen Rahmen hinausgeht und das Mitgeschöpf-Sein als ethische Grundlage für die Gestaltung einer nachhaltigen Religionspädagogik einbezieht. Auf der Basis der Konzepte der Compassion (Johann Baptist Metz) und der Ehrfurcht vor dem Leben (Albert Schweitzer) wird eine integrative Ethik entwickelt, die den universalen Wert allen Lebens in den Vordergrund stellt. Das Paradigma der Compassion, welches Mit -Leiden als ethische Haltung versteht, wird mit Schweitzers Ethik der Lebensachtung kombiniert, um eine didaktische Perspektive für die religiöse Bildung zu bieten, die das ethische Bewusstsein der Lernenden im Kontext globaler Gerechtigkeit und ökologischer Verantwortung schärft. Ziel ist es, durch die Anwendung dieser Konzepte eine kritische Reflexion über die Verantwortung des Menschen gegenüber der gesamten Schöpfung zu fördern und eine ethische Haltung der Solidarität und Fürsorge zu etablieren.
Schlagwörter: Mitgeschöpflichkeit, Compassion, Ehrfurcht vor dem Leben, Nachhaltigkeitsethik, Religionspädagogik, ethische Verantwortung, globale Gerechtigkeit, ökologische Bildung, interdependente Ethik, Albert Schweitzer, Johann Baptist Metz
Submitted May 9, 2025, and accepted for publication June 24, 2025 Editor: Maike Maria Domsel
Summary
In light of the global ecological crises and the urgent need for an ethical reorientation, this paper explores the relevance of an expanded ethics of responsibility that transcends the anthropocentric framework and incorporates the concept of co-creatorship as a moral foundation for developing a sustainable religious pedagogy. Drawing on the ideas of Compassion (Johann Baptist Metz) and Reverence for Life (Albert Schweitzer), an integrative ethics is developed that emphasizes the universal value of all life. The paradigm of Compassion, which understands co-suffering as an ethical stance, is combined with Schweitzer’s ethic of life-respect to offer a didactic perspective for religious education that sharpens learners’ ethical consciousness in the context of global justice and ecological responsibility. The goal is to foster critical reflection on humanity’s commitment towards the entire creation and establish an ethical attitude of solidarity and care.
Keywords: Fellow-creatureliness, Compassion, Reverence for Life, Sustainability Ethics, Religious Pedagogy, Ethical Responsibility, Global Justice, Ecological Education, Interdependent Ethics, Albert Schweitzer, Johann Baptist Metz
1 Thematische Hinführung und Problemaufriss
Angesichts globaler Krisen und tiefgreifender ökologischer Verwerfungen gewinnt die Forderung nach einer erweiterten ethischen Perspektive zunehmend an Dringlichkeit - einem Horizont, der den anthropozentrischen Rahmen überschreitet und die nicht menschliche Schöpfung in den ethischen Diskurs integriert. Zwar hat die christliche Tradition über weite Strecken eine anthropozentrisch geprägte Ethik hervorgebracht, innerhalb derer die übrige Schöpfung oft funktionalisiert und marginalisiert wurde. Doch liegt ihr zugleich ein schöpfungstheologisches Fundament zugrunde, das zur Bewahrung und Achtung allen Lebens verpflichtet (vgl. Gen 2,15). Diese ambivalente Ausgangslage eröffnet Räume für eine theologisch fundierte Relektüre im Sinne einer solidarischen Ethik, die den Gedanken der Mitgeschöpflichkeit ins Zentrum rückt.1
Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Herausforderungen in Ethik und Bildung greift der vorliegende Beitrag das Paradigma der Compassion nach Johann Baptist Metz auf, das Mit -Leidenschaft als ethische Grundhaltung versteht
und diese auf die gesamte Schöpfung ausweitet. Dieses Konzept erfährt durch Albert Schweitzers Leitidee der „Ehrfurcht vor dem Leben“ eine substanzielle Erweiterung: Mitgeschöpflichkeit und universale Verantwortlichkeit für alles Lebendige treten in den Vordergrund einer integrativen Ethik. Die Synthese beider Denkansätze eröffnet religionspädagogische Impulse für eine Bildung zur Nachhaltigkeit, die über anthropozentrische Perspektiven hinausreicht und das ethische Bewusstsein der Lernenden im Horizont globaler Gerechtigkeit und ökologischer Verantwortung schärft.
Die Integration dieser Konzepte in religionspädagogische Kontexte zielt darauf, …
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Der vollständige Artikel umfasst 19 Seiten
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