XIII - 14.3 Medienethik angesichts der Digitalisierung im Kontext von Christentum, Judentum, Islam und Buddhismus [Media ethics in the face of digitization in the context of Christianity, Judaism, Islam and Buddhism]
Von Gotlind Ulshöfer
Zusammenfassung
Medienethik wandelt sich angesichts der Digitalisierung, die zunehmend alle Lebensbereiche umfasst. Dabei sind zwei Entwicklungen zu beobachten: Erstens geht es in der Medienethik um einen „digital turn“, der sich in neuen Erkenntnisobjekten zeigt und auch zu neuen Methoden führen sollte. Zweitens geht es bei dieser Entwicklung auch um ein verstärktes Zusammendenken von medien-, informations- und technikethischen Themen.
Der Artikel weist medienethische Fragestellungen auf, die sich durch die Digitalisierung in den Religionen von Christentum, Judentum, Islam und Buddhismus ergeben. Dabei sind sowohl bei der Bereitstellung, Nutzung und dem Umgang mit Medien und damit neuen Technologien als auch auf theologisch-theoretischer Ebene ethische Analysen notwendig. Es wird deutlich, dass sich für eine interreligiös ausgerichtete Medienethik ein weites Forschungsfeld auftut.
Schlagwörter: Medienethik, Digitalisierung, interreligiöse Ethik, digital turn, Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus
Summary
Media ethics is changing in the face of digitalization, which increasingly encompasses all areas of life. Two developments can be observed: first, media ethics is also affected by a "digital turn", which manifests itself in new objects of knowledge and should also lead to new methods. Second, this development
Submitted March 03, 2019, and accepted for publication August 29, 2019. Editors: Martin Leiner, Christine Schliesser
also involves an intensified cooperation between research concerning media, information and technology ethics topics.
This article researches media-ethical issues arising from digitization in the religions of Christianity, Judaism, Islam and Buddhism. In doing so, it shows that ethical analysis is necessary both in the provision, use and handling of media and thus new technologies as well as on theological-theoretical level. It becomes clear that a broad field of research is opening up for inter-religious media ethics.
Keywords: Media Ethics, Digitalization, Interreligious Ethics, Digital Turn, Christianity, Judaism, Islam, Buddhism
1 Medienethik und der „digital turn“
Medienethik als eine theologisch beziehungsweise philosophisch orientierte Analyse von Medien unter ethischen Gesichtspunkten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten thematisch ausgeweitet. Dies hängt mit dem gesellschaftlichen Wandel aufgrund der vermehrten Verbreitung und Nutzung von digitalen Technologien zusammen und führt auch zur Zunahme der Relevanz von Medienethik. Es bedeutet für das Verständnis von Medienethik, dass „Medienethik in jedem menschlichen Handeln mit Medien ausgeübt wird“1 und dass darüber hinaus die technisch-digitalen Dimensionen mit zu berücksichtigen sind. Im Folgenden soll die These entfaltet werden, dass sich in der Medienethik ein „digital turn“2 vollzieht, der sich auch bei einer komparativ angelegten Darstellung von Medienethik in Bezug auf unterschiedliche Religionen zeigen lässt. Mit der Bezeichnung „digital turn“ soll daher zum einen auf die zunehmende Digitalisierung in allen gesellschaftlichen Bereichen, geografischen Regionen und Religionen verwiesen werden. Zum anderen geht es darüber hinaus um die damit zusammenhängenden Veränderungen der Analysen und der Konzeptionen von Ethik bezüglich ihrer Erkenntnisobjekte, der Erkenntnismittel und der Erkenntnismedien.3
Im Vergleich mit vordigitalen Zeiten zeigt sich insbesondere auf drei Ebenen ein Bedeutungswandel von Medien. Erstens tritt neben das klassische Sender-Empfänger-Schema von Massenmedien wie zum Beispiel beim Fernsehen, aufgrund von Social Media sowie den mobilen Geräten von Smartphones und Tablets, das Phänomen, dass jeder und jede zur Senderin und zum Empfänger werden kann. Zweitens hat sich die Reichweite der Informationsverbreitung vergrößert.
Drittens tritt neben die direkte Informationsverbreitung und -gewinnung des Einzelnen durch das Internet die zunehmende Bedeutung von Daten, deren Erhebung und Nutzung sich durch technologische Auswertung von Zusammenhängen ergibt. Der Einsatz von Algorithmen, welche die Entscheidungen des Menschen vorstrukturieren beziehungsweise beeinflussen, und damit auch von künstlicher Intelligenz führt verstärkt dazu, dass Informationsgewinnung und -vermittlung, wie zum Beispiel beim Texte-kreieren oder der Kommunikation durch Chatbots, jenseits direkten menschlichen Einwirkens geschieht. Es kann mit Luciano Floridi von der „Infosphäre“4 gesprochen werden, in der nicht mehr klar zwischen „online“ und „offline“ unterschieden werden kann und in welcher Daten und Informationen von grundlegender Relevanz für die Strukturierung und Deutung von Wirklichkeit werden. Dieses kurz beschriebene Panorama von Veränderungen führt auch dazu, dass in der Medienethik klassische Themen5 wie Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung in einem neuen Kontext zu analysieren sind und gleichzeitig die Medienethik vor der Frage steht, wie neue Technologien für ihre Forschungsarbeit einzusetzen sind.6 Mit Charles Ess soll daher Medienethik als „Digital Media Ethics“7 verstanden …
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Der vollständige Artikel umfasst 33 Seiten
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