Sathya Sai Baba / Sai-Religion
Von Helmut Langel
Entstehung
Zu den aufsehenerregendsten Erscheinungen indischer Spiritualität für den westlichen Beobachter zählen sicherlich die sogenannten Siddhas . Dabei handelt es sich um Yogis, die über paranormale Fähigkeiten und Kräfte ( siddhis ) verfügen. Von ihnen wird erzählt, sie seien mehrere Tage eingegraben gewesen, hätten extreme Kälte überstanden oder könnten gar über Wasser gehen. Diese Siddhi -Gurus vermögen nach Berichten ihrer Anhänger durch Präkognitionen, Levitationen, Wunderheilungen, telekinetische Effekte, Telepathie, Dislokationen und vor allem durch sogenannte Materialisationen teilweise in Gegenwart der sie umgebenden Öffentlichkeit die Faszination auf sich zu lenken. Ihre überdimensionalen Fähigkeiten sind Gegenstand ihrer religiösen Verehrung und dienen zuweilen als Beleg für den göttlichen Charakter ihrer irdischen Erscheinung. Eine solche mit paranormalen Fähigkeiten ausgestattete Persönlichkeit ist der freundliche, im wallenden, orangefarbenen Gewand gekleidete Sri Sathya Sai Baba, der mit dunklem wolligem Haar, stämmiger Gestalt und einem „bezaubernd direkten und in die Tiefe gehenden Blick“ seine Anhänger fesselt, die mittlerweile weltweit mehrere Millionen zählen. Sathya Sai Baba gilt als der Begründer der Sai-Religion.
Um ihre Entstehung zu verstehen, muss man zunächst einen Blick auf seinen Vorgänger werfen, den Sai Baba von Shirdi, der von Sathya Sai Baba in besonderer Weise verehrt wird. Sai Baba wurde ca. 1850 geboren, wirkte in Shirdi im westindischen Bundesstaat Maharashtra und starb 1918. Von ihm werden wunderhafte Taten und Fähigkeiten berichtet. Er hatte einen Muslim als ersten Guru und wurde zu einem Fakir, in dem sich muslimische und Hinduelemente vereinigten. Das in der Moschee ewig brennende Feuer und die Verteilung seiner Asche unter den Gläubigen, um damit Heilungen zu bewirken, wurden in ganz Indien berühmt. Sein Grabmal wird auch heute noch von zahlreichen Anhängern besucht. Es gibt mittlerweile eine Reihe von Tempeln in ganz Indien, die ihm gewidmet sind. Die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit, vor allem seine paranormalen Fähigkeiten, bewirkten, dass eine Reihe von Gurus aus seinen Kreisen hervorgegangen sind.1
Die erfolgreichste Persönlichkeit ist wahrscheinlich Sathya Sai Baba, der durch sein Auftreten an die Fähigkeiten und das Selbstbewusstsein seines Vorgängers anknüpfte. Er wurde 1926 unter dem Namen Satyanarayan Raju in einer Bauernfamilie geboren. Die Legende berichtet von wunderbaren Vorgängen während der Schwangerschaft und der Geburt. Schon in jungen Jahren entwickelte er sich aufgrund seiner Tierliebe zum Vegetarier. Während seiner Kindheit zeigten sich bereits seine paranormalen Fähigkeiten, die er gegenüber seinen Mitschülern durch Materialisierung von Süßigkeiten unter Beweis gestellt haben soll. Später wird von ihm berichtet, dass er goldene Ringe, Blumen, vor allem aber Vibhuti („heilige Asche“) materialisieren konnte. Besonders hervorstechend ist die Geschichte von dem giftigen Skorpion, der ihn angeblich mit 14 Jahren gestochen haben soll und auf diese Weise eine mehrtägige tiefe Bewusstlosigkeit hervorrief. Nach seinem Erwachen soll der Junge sich als Sai Baba offenbart haben. In ihm seien, wie er selbst sagt, die göttliche Mutter ( sai ) und der göttliche Vater ( baba ) vereinigt. So formulierte er 1963 seine Identität mit Shiva und Shakti.
Ab 1940 sammelten sich eine Reihe von Anhängern um Sathya Sai Baba, dem wahren Sai Baba, der sich als Reinkarnation des Sai Baba von Shirdi sah. 1950 wurde der Ashram Prashanti Nilayam („Wohnstätte des Friedens“) gegründet. Zahlreiche Anhänger kamen aus der wohlhabenden Stadt Bangalore. 1961 rief Sathya Sai Baba die „Sathya Sai Ära“ aus. Zwei Jahre später begann seine Bewegung mit der Einrichtung von Bildungsinstitutionen, vier Jahre später wurde die erste indische Konferenz von Dienstleistungsgruppen, den sog. Sai Baba Seva Samitis , organisiert. Eine entsprechende Weltkonferenz ergab sich schon ein Jahr danach. Sathya Sai Baba hat das Ausland weitgehend gemieden. Seine Erfolge in der westlichen Welt sind im Gegensatz zu anderen Gurus nicht auf eine ausgedehnte Reisetätigkeit seinerseits zurückzuführen. Stattdessen richtete er seine Aufmerksamkeit mehr auf die Traditionen seiner eigenen Kultur und Religion. Er verglich einmal die indische Kultur mit einem schlafenden Elefanten.
1976 wurde …
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Der vollständige Artikel umfasst 10 Seiten
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