Okropiridze, Was ist Yoga? Eine religionshistorische Aktualisierung

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Was ist Yoga? Eine religionshistorische Aktualisierung Von Dimitry Okropiridze Einleitung: VielfĂ€ltige Perspektiven Die Geschichte von Yoga ist komplex; denn bei nĂ€herem Hinsehen zeigt sich, dass es den Yoga nicht gibt und die Unterschiede in Theorie und Praxis die Gemeinsamkeiten aufwiegen können. Im noch heute weitverbreiteten SelbstverstĂ€ndnis vieler Yoga-Praktizierender wird Yoga eine relativ einheitliche IdentitĂ€t zugesprochen; lediglich verschiedene Schulbildungen und Traditi onen werden als mehr oder weniger legitime Abweichungen einer Jahrtausende alten gemeinsamen Geschichte angenommen, an deren Anfang ein vermeintlich ursprĂŒnglicher Yoga stehen soll. Diese Zuschreibung geht von einer Entstehung auf dem indischen Subkontinent aus, wobei der angenommene Entstehungszeitraum bis zu 5000 vor unserer Zeit reicht.1 Diese im 20. Jahrhundert popularisierten Vorstellungen gehen außerdem davon aus, dass spĂ€testens in der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts ein Yoga-Boom einsetzt und sich in Europa, den USA und weiteren hochindustrialisierten Gesellschaften verbreitet. Dahinter steht oftmals die Annahme, dass ein authentischer, indischer Yoga dramatisch verĂ€ndert werde. Dieses Bild ist noch heute im Nachhall europĂ€ischer und amerikanischer Asienromantik und des indischen Antikolonialismus enthalten und wurde lange Zeit auch von religionswissenschaftlicher und indologischer Forschung gefördert. In beiden FĂ€llen spielt die Vorstellung einer „reinen“ und / oder „ursprĂŒnglichen“ Tradition vs. einer „westlichen“ und / oder „materialistischen“ Verformung die entscheidende Rolle fĂŒr normative Deutungen von Yoga.2 Aus Sicht aktueller Forschung sind solche Thesen hingegen nicht haltbar. In den letzten zehn Jahren sind zahlreiche Arbeiten erschienen, die der Vorstellung eines Jahrtausende alten und einheitlichen Yoga widersprechen. Es gibt erste Anzeichen fĂŒr eine Diskussion und Annahme der kritischen Forschung im Kreis der Yoga-Praktizierenden und einer breiteren interessierten Öffentlichkeit.3 Kurz gefasst, muss die Geschichte des Yoga stark pluralisiert werden; den Yoga-Stil oder die Yoga-Schulen gab es zu keinem historischen Zeitpunkt. Im Gegenteil zeigt sich in der Quellenarbeit, dass der Begriff Yoga frĂŒh in der sĂŒdasiatischen Geschichte auftaucht, dort aber je nach Kontext sehr unterschied- liche und teilweise widersprĂŒchliche Bedeutungen enthĂ€lt. Im 19. Jahrhundert Ă€ndert sich das allgemeine VerstĂ€ndnis von Yoga, jedoch nicht im Sinne eines verfĂ€lschenden Importes aus Indien. Vielmehr entsteht erst im Kontext von amerikanischen, europĂ€ischen und sĂŒdasiatischen Begegnungen, Übersetzungsprozessen und inhaltlichen Aushandlungen ein VerstĂ€ndnis von Yoga, das den Diskurs bis heute prĂ€gt. Die Interaktionen zwischen Individuen, Kollektiven und Institutionen, Sanskrit-Texten, ihren Übersetzern und Lesern, Yoga-Theorie und Yoga-Praxis sind komplex und können weder als eindeutig „indisch“ oder „europĂ€isch“, geschweige denn „östlich“ oder „westlich“ bezeichnet werden.4 Im Folgenden sollen beide Zeitabschnitte - Yoga vor und nach der ZĂ€sur des 19. Jahrhunderts - historisch skizziert werden, wobei der Schwerpunkt auf der jĂŒngeren Periode liegt, da Yoga-Formen, wie sie heute im engeren Sinne global prĂ€sent sind, erst im Zusammenhang des britischen Kolonialismus in SĂŒdasien und entsprechender antikolonialer Bestrebungen entstehen. Hinzu kommt eine Fokussierung auf posturale Yoga-Formen, die heute am stĂ€rksten verbreitet sind. Im Anschluss wird die gegenwĂ€rtige Entwicklung von Yoga in der Bundesrepublik Deutschland diskutiert. Nach kurzer Besprechung der Forschungsliteratur werden einflussreiche Yoga-Stile und Yoga-Schulen hervorgehoben und ihre Geschichte mit der globalen Entwicklung verknĂŒpft. Yoga vor dem 19. Jahrhundert: vom Veda zum Ha** áč­ **hayoga _Einleitung_ Es gilt im Folgenden, sich einen klaren Blick fĂŒr Yoga vor dem 19. Jahrhundert zu erarbeiten ohne der Versuchung zu erliegen, seine Geschichte zu stark zu vereinfachen.5 Das Problem hĂ€ngt einerseits damit zusammen, dass es keinen einheitlichen „Hindu-Kanon“ gibt, aus dem sich autoritativ die Bedeutung von Yoga herauslesen lĂ€sst. DarĂŒber hinaus finden sich viele Yoga-Praktiken in budd histischen und jainistischen Traditionen, die einen rein „hinduistischen“ Yoga als Mythos entlarven.6 Andererseits ist gerade der Einfluss von Euro pĂ€ern sowie indischen Reformern im 19. Jahrhundert dafĂŒr verantwortlich, dass eine forcierte Vereinheitlichung von GlaubenssĂ€tzen einsetzt und bestimmte Texte, wie die BhagavadgÄ«tā (etwa 4. Jahrhundert vor unserer Zeit bis 4. Jahrhundert nach unserer Zeit) oder die YogasĆ«tras (1. Jahrhundert nach unserer Zeit) zu besonders wichtigen heiligen Schriften erklĂ€rt werden.7 Besonders reizvoll erschien es frĂŒheren Indologen, die Yoga-Geschichte möglichst weit in der Vergangenheit beginnen zu lassen. So wurde ein Siegelfund aus der bronze- zeitlichen Indus-Kultur (2500 v. u. Z. bis 1500 v. u. Z.), der eine sitzende Figur mit gekreuzten Beinen darzustellen scheint, vorschnell als frĂŒher Exponent des Gottes Úiva und damit Prototyp des 

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