Schumann, Grundriss der Begegnungsgeschichte des Westens mit Indien und dem Hinduismus

📖 Leseprobe – 2 von 36 Seiten
Grundriss der Begegnungsgeschichte des Westens mit Indien und dem Hinduismus Von Alice Schumann Erste Kenntnisse über Indien und Hinduismus bis zur Romantik Die ersten Topoi über Indien lieferte bereits die Antike. Schrift steller berichten über die Existenz von Fa bel wesen: Schattenfüßler, Mund lose, Hundsköpfige, Menschen mit nur einem Auge, mit Spinnenbei nen, mit Füßen, die nach hinten gebogen sind, Pans mit eckigen Köp fen, Menschen, die ihre großen Ohren be nut zen, um sich darin zum Schlafen einzuwickeln. Ptolemäus berichtet im 2. Jahrhundert n. Chr. von einem Amazonenreich im Himalaya. In dien galt als das Her kunftsland wertvoller Luxusar tikel wie Schmuck, Seide, Duft stoffe, besonderer Gewürze, Gold und Silber. Es war das Land des Reich tums und des orgiastisch-mystischen Rau sches, den die Grie chen im Gott Dionysos verkörpert sahen.1 Durch den weltberühmten „Alexanderroman“, der vom heldenhaf ten Leben und den bis Indien reichenden Erobe rungs feldzügen Alexan ders des Großen (356-323 v. Chr.) aus Makedonien han delt, wurden diese Topoi des Indien bildes dem christlichen Mittel alter überliefert. Erst ca. 500 Jahre nach Alexan ders Tod entstand die se Textgattung, an der sich zahlreiche Autoren aus aller Herren Länder beteiligt hatten, und an der Wissen schaftler bis heute rätseln, was nun Fakten oder Fantasien sind. Die erste deutsche Ver sion erschien 1150 und bildete die erste Groß erzählung über einen nichtbiblischen, welt li chen Stoff. Doch außer Legenden blieb das reale Indien samt seiner Religio si tät verbor gen. Als der Portugiese Vasco da Gama 1498 über den See weg nach Indien gelangte, war das Wissen in Europa über In dien über den Stand der Antike kaum hinausge langt. Die ersten eu ro pä i schen Reiseberichte aus der Zeit waren ihrer Widersprüch lich keit wegen ebenso unseriös, auch wenn sie mit Zunahme des Han dels verkehrs detail lierter ausfielen. Doch da die Handels me tro polen von den bereits seit 712 n. Chr. an sässigen mus li mi schen Er o be rern ver einnahmt worden waren, fanden die ersten Kontakte vor wiegend mit den Mogulen statt, während die hauptsächlich auf dem Land ansässi gen Hindus gar nicht in den Blickpunkt der Euro päer gerie ten. Die europäisch-christliche Missionierung durch die katholische Kir che verlief pa rallel zur Kolonialisierung in Indien durch Por tugal. „Reli gions politisch zeichnet sich diese Epoche insbe son dere dadurch aus, dass schließlich […] eine absolu tis tisch-monarchische Kirchenver fassung zum Durch bruch ge langt, die dem Papst alle erdenkliche juristische Vollmach t und theo lo gische Autorität verleiht und ihn nicht nur zum Nach folger Petri, sondern zum Stellvertreter Christi, ja Gottes selber macht.“2 Damit wurde auch für die weitere Zukunft zementiert, dass es ,außerhalb der Kirche kein Heil‘ gab. Die Kolonialpolitik durch die kirchlichen Patronatsmächte Spanien und Portugal bildete eine Fort setzung des Mittel alters mit der päpstlichen Verpflichtung, „den katho lischen Glau ben in den neu ent deckten Län dern auszubreiten und zu unterhalten, im Gegen zug erhielten sie dafür das Recht, bei der Besetzung kirch li cher Äm ter mit zureden, Steuern zu erheben und andere Privilegi en.“3 Die Pflicht der Missionierung wurde in Indien von den Franziskanern, Domi ni - kanern, Jesuiten und Augustiner-Eremiten aus geführt. Bereits auf seiner zweiten Fahrt nach Indien wurde Vas co da Gama von einem Priester begleitet, dem vom König die Order mitge ge ben worden war, die Menschen von der Wahrheit, dem Chris tentum, zu überzeugen. „Und wenn diese Men schen hartnäckig in ihren Irrtü mern sein sollten, dann sollen sie mit Feuer und Schwert und allen Schrecken des Krieges belehrt wer den.“4 Doch die Inder waren nicht leicht zu überzeugen. Nur als sie für eine Weile mit Geld gelockt wur den, wuchs ihre Zahl rasant auf 15.000 gegenüber 300 portugie si schen Siedlern. Als dies für die Portugiesen ein finan zielles und politisches Risiko darstellte, verbot der portugie si sche Gou verneur die Mission, zumin dest für diese Kreise. Schließlich musste jeder, der nicht zur Konversion bereit war, damit rech nen, Opfer der päpst lichen Inquisi tion zu werden und nach Goa zum Ge ne ralinquisitor geschickt zu werden. Von 1600 bis 1773 wur den 73 Per so nen dort hin ge schickt und verurteilt, oft auch zum To de. Auf grund dieser hefti gen Verfol gun gen sollen Mitte des 18. Jahrhunderts viele Distrikte nahe Goa fast entvölkert gewesen sein, und jene, die dort leb ten, nach Malabar ausge wan dert sein, „um der ge wal tsamen Kon version zu ent fliehen.“5 Schlensog gibt zu Recht zu bedenken, wie sich wohl die Hindus ge fühlt haben müssen, als die Christen im Namen Jesu beispiels wei se gegen die Witwen ver bren nung zu Felde zogen, „jene auf dem Schei ter haufen ver brannten, deren ein ziges Verbre chen da rin be stand, dass sie nicht für den christ lichen Glauben zu ge winnen waren.“6 Ein Beispiel aus der …
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 36 Seiten