Kehl-Bodrogi, Die Aleviten

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Die Aleviten KRISZTINA KEHL-BODROGI Als Aleviten (türk.: Alevi, arab.: Alawi) werden in der islamischen Welt Angehörige verschiedener religiöser Gruppen bezeichnet, die Ali, dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, eine göttliche Natur zuschreiben. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Glaubens gemein - schaft der bis ins frühe 20. Jh. noch unter der Bezeichnung Kızılbaş (türk.: „Rot kopf“) bekannten Aleviten in der Türkei. Der Anteil der Aleviten an der Gesamtbevölkerung der Türkei beträgt Schätzungen zufolge zwischen 20 bis 25 %. Bezüglich ihrer ethnisch-sprachlichen Zugehörigkeit bilden sie eine heterogene Gruppe: annähernd zwei Drittel der Aleviten sind türkisch-, die übrigen kurdischsprachig. Die traditionellen Wohngebiete türkischer Aleviten sind Zentralanatolien und Teile der mediterranen Küstenregion. Kurdische Aleviten konzentrieren sich in der Provinz Tunceli und den angrenzenden Gebieten Ostanatoliens. Politisch und ökonomisch bedingte Abwanderungen in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s führten allerdings dazu, dass der Großteil der Aleviten heute die westlichen Groß - städte der Türkei bewohnt. Zudem hat ein erheblicher Teil der ehemaligen Arbeitsmigranten in Europa einen alevitischen Hintergrund. Trotz ihrer großen Zahl war die Existenz der Aleviten der Weltöffentlichkeit bis vor wenigen Jahren nahezu unbekannt. Erst Anfang der 1990er Jahre haben Aleviten in der Türkei und in der westlichen Diaspora begonnen, auf sich und ihre Belange aufmerksam zu machen. Historisch sind die Aleviten aus den Reihen jener ländlichen Bevöl kerungs - gruppen Anatoliens hervorgegangen, die seit dem 13. Jh. in enger Verbindung zum Sufi-Orden der Safaviden in Iran gestanden haben. Als Zeichen ihrer Jüngerschaft trugen sie eine rote Kopfbedeckung, die ihre Bezeichnung als Kızılbas¸ begründete. Sie waren tragendes Element gewaltiger Volkserhebun - gen, die - genährt von sozialer und politischer Unmut - im 16. Jh. in Anatolien gegen die osmanische Zentralmacht ausbrachen. Diese Aufstände standen im Zeichen einer schiitisch gefärbten, durch eine extreme Ali-Verehrung und die Ablehnung islamischer Dogmen und Gesetze gekennzeichneten Religiosität, wie sie auch für die frühen Safaviden und verschiedene islamisch-gnostische Gruppen der Zeit charakteristisch war (vgl. Halm 1988). Die nach der Niederschlagung der Aufstände begonnenen blutigen Ver folgun - gen veranlassten viele, sich in entlegene Regionen zurückzuziehen und sich auf ein Leben in der Marginalität einzurichten. Von der Mehrheitsgesellschaft weitgehend isoliert und vom Staat misstrauisch beobachtet, entwickelte sich das Alevitum (türk. Alevilik ) mit der Zeit von einer Beitritt- zu einer reinen Abstammungsgemeinschaft, die auf Autarkie von und Distanz zur sunnitisch dominierten Außenwelt bedacht war. Das Recht, in die Glaubenslehre eingeweiht zu werden und an den kultischen Versammlungen teilzunehmen, blieb auf den Kreis jener Männer und Frauen beschränkt, die in die Gemeinschaft hineingeboren wurden. Für die Aufnahme in die Kultgemeinschaft war zudem die Schließung einer Wegbruderschaft ( musahiplik ) zwischen zwei Männern erforderlich, die auch deren Ehefrauen einbezog. Diese Form ritueller Ver - wandt schaft war eine der wichtigsten sozial-religiösen Institutionen des Alevi - tums. Sie beinhaltete gegenseitige Unterstützung in allen Lebenslagen und stellte eine Heiratsschranke zwischen den Nachkommen der Paare über mehrere Generationen hinweg auf. Über Jahrhunderte befolgten die Aleviten zudem eine strikt endogame Regelung von Heiraten. Eheschließungen außerhalb der eigenen Gruppe zogen soziale Ächtung und Ausschluss aus der Kultgemeinschaft nach sich. In der zweiten Hälfte des 20. Jh.s machte das Alevitum mannigfaltige Ver - änderungen durch, in deren Folge es viele seiner traditionellen Merkmale eingebüßt hat. So z.B. werden heute Wahlverwandtschaften kaum mehr eingegangen und auch das Gesetz der Gruppenendogamie hat zunehmend an Be - deutung verloren. Die Geheimhaltung ihrer Glaubenslehren und -praktiken sowie der für die Aleviten typische, relativ freie Umgang der Geschlechter untereinander hat in der Mehrheitsgesellschaft für allerlei wilde Spekulationen Anlass gegeben. So beschuldigte man die Aleviten u.a. der Abhaltung ritueller Orgien während ihrer religiösen Zeremonien sowie des gewohnheitsmäßig praktizierten In - zests. Solche Vorurteile, die bereits im 16. Jh. gegen sie erhoben wurden - und u.a. als Legitimation für ihre Verfolgung als Häretiker dienten -, waren ein wesentlicher Grund dafür, dass Aleviten bis in die jüngste Vergangenheit hinein takiya („Vorsicht“, „Verstellung“) praktizierten. D.h. dass sie vor NichtGruppenmitgliedern ihre sozial-religiöse Zugehörigkeit verheimlichten und sich äußerlich an das vorgefundene religiöse Milieu …
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