von Wensierski, Jugendphase und Jugendkultur von Muslimen in Deutschland

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Jugendphase und Jugendkultur von Muslimen in Deutschland Von Hans-Jürgen Wensierski Das Interesse an Muslimen ist in der bundesdeutschen Jugend- und Sozialforschung in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Auch ist der sozialwissenschaftliche Diskurs über Muslime in westlichen Gesellschaften wie der Bundesrepublik vielschichtiger geworden. Nachdem um die Jahrtausendwende und dann im Gefolge des „11. September“ vor allem Studien erschienen, die um eine differenzierte Analyse der unterschiedlichen Religiositätskonzepte von Muslimen bemüht waren und damit auf die Modernisierung und Pluralisierung auch islamischer Orientierungsmuster und Religiosität hinwiesen1 , machten in der Folge die einschlägigen Vertreter der bundesdeutschen Migrationsforschung zu Recht auf die soziologische Evidenz der Lebenslagen in den Migrantenmilieus aufmerksam.2 Nicht kulturalistisch verengte Fragen nach der Religiosität, nicht die Skandalisierung von Kopftuch- und Ehrenmorddebatten und schon gar nicht der mediale Generalverdacht allgegenwärtiger islamistischer Zellen spiegele die soziale Wirklichkeit der Migranten aus muslimischen Herkunftsgesellschaften in der Bundesrepublik, sondern die sozialen Ungleichheitsstrukturen einer Einwanderungsgesellschaft, die ihren Migranten wesentliche Teilhabemöglichkeiten im Bildungssystem und bei der Platzierung auf dem Arbeitsmarkt vorenthalte. Das Label als Muslime, die Fokussierung auf den Islam erscheine unter diesem Blickwinkel eher als Ideologem, das lediglich von den gesellschaftlichen Strukturen ablenke und soziale Ungleichheit und fehlende ökonomische Partizipation im Zeichen von Kopftuch und Moschee als Problem mangelhafter Anpassung einer kulturellen Minderheit sozial konstruiere. Inzwischen fällt der sozialwissenschaftliche Forschungsstand differenzierter aus. Zahlreiche sozialwissenschaftliche Studien unterfüttern die notwendige gesellschaftliche Diskussion um den Islam in Deutschland inzwischen mit analytischen und empirischen Befunden, die nicht mehr nur die religionssoziologischen Perspektiven beleuchten, sondern auch Daten zu den sozialstrukturellen Lebenslagen der Muslime mit Migrationshintergrund beisteuern und auch den Nachweis sozialstruktureller Benachteiligung im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt bekräftigen.3 Die Gesamtzahl der Muslime in Deutschland wird gegenwärtig auf 3,8 bis 4,3 Millionen. Personen geschätzt.4 Wie die Migrantenpopulation insgesamt, so erweisen sich auch die Muslime in Deutschland als eine tendenziell junge IV - 3.12 Jugendphase u. Jugendkultur v. Muslimen in Deutschland Bevölkerung. Das Durchschnittsalter der Muslime beträgt 30 Jahre. Während die Altersgruppe der unter 25-Jährigen in der deutschen Gesamtbevölkerung insgesamt 25,3 % umfasst, liegt dieser Anteil unter den Muslimen bei 41,7 %.5 Insgesamt leben ca. eine Million muslimische Jugendliche mit Migrationshintergrund in der ersten, zweiten oder dritten Generation in der Bundesrepublik, die zu einem Großteil als Bildungsinländer das deutsche Schulsystem durchlaufen (haben). 950.000 Muslime sind inzwischen in Deutschland geboren, etwa ebenso viele verfügen über einen deutschen Pass. Rund 63 % der in Deutschland lebenden Muslime mit Migrationshintergrund haben türkische Wurzeln, das sind ca. 2,5 Millionen türkische Muslime.6 Weitere 13,6 % der Muslime kommen aus Südosteuropa, 8,1 % aus dem Nahen Osten, rund 7 % aus Nordafrika und knapp 5 % aus Südostasien.7 Die bisherige Jugendforschung subsumiert die Gruppe der jungen Muslime bisher überwiegend der Gruppe der Migranten in Deutschland oder identifiziert sie über die unterschiedlichen Konzepte religiöser Lebensführung. In beiden Fällen erscheint diese theoretische Engführung als unbefriedigend. Im Folgenden wähle ich deshalb eine andere, eher jugendtheoretische Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Frage, inwieweit die sozialstrukturellen Lebenslagen, aber auch die kulturellen Spezifika und die Traditionen der muslimisch-orientalischen Herkunftsmilieus die Jugendphase junger Muslime und die Prozessverläufe ihrer Jugendbiografien strukturieren. Dabei gehe ich davon aus, dass der religiös-kulturelle Kontext der muslimischen Her kunftsmilieus einen prägenden und strukturierenden Einfluss auf die Alltags- und Lebenswelt, die Orientierungsmuster und biografischen Lebensentwürfe der Jugendlichen hat. Offen ist allerdings, ob diese milieubildende Kraft des Islam in Deutschland vor allem aus den Traditionen und der kollektiven Identität der Religionsgemeinschaft resultiert oder aber aus der sozialen Lage und Segregation der Muslime in westlichen Gesellschaften.8 Quantitative Jugendstudien und Einstellungsbefragungen belegen, dass Religion für die türkischen oder weiter gefasst die muslimischen Jugendlichen eine größere Rolle spielt als für deutsche Jugendliche,9 und zwar sowohl in den Einstellungen und Wertvorstellungen als auch im Alltagshandeln. Dennoch lässt sich daraus nicht ableiten, dass die Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft der Muslime für alle …
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