Wunn, Muslime im Krankenhaus

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Muslime im Krankenhaus INA WUNN Forschungssituation Muslime in Deutschland melden sich zunehmend selbstbewusster zu Wort und fordern gesellschaftliche wie politische Teilhabe. In diesem Zusammenhang wurden in den letzten Jahren auch angebliche Bedürfnisse von Muslimen im Gesundheitsbereich thematisiert, die sich nicht zuletzt in einer Flut gelegentlich rasch zusammengeschriebener, so genannter interkultureller Pflegeanleitungen niederschlugen, die aber auch zur Gründung erster ethnomedizinischer Stationen in und ethnomedizinischen Zentren an Krankenhäusern führten. Während die eine oder andere Interessengruppe diesen Schritt ausdrücklich begrüßte, meldete vor allem die Migrationssoziologie Bedenken an: Sie sieht religiös-ethnische Fragestellungen zur Situation von Migranten als sprachlich gewandelte Fortsetzung einer alten, völkisch-rassistischen Betrachtungsweise und leugnet weitgehend entsprechende Bedürfnisse von Migranten der ersten und zweiten Generation. Damit ist die diesem Beitrag zugrundeliegende Fragestellung umrissen: Es geht um die spezifischen und konkreten Heils- und Heilungserwartungen erkrankter Muslime und sich daraus möglicherweise ergebende Defizite und Konflikte in der Patientenversorgung, die wiederum nicht ohne einen Blick auf die Geschichte der muslimischen, d.h. arabisch-orientalischen Medizin und ihre Verbindung zur europäisch-westlichen Medizin diskutiert werden können. Die Auswahl der zu befragenden Gruppen entsprach einem religionswissenschaftlichen Ansatz: Es sollten Muslime in typischen Übergangssituationen bzw. in einer charakteristischen, religiös oder traditionell definierten Rolle erfasst werden. Dies waren: Geburt und Wochenbett, Schwersterkrankung und Sterben sowie männliches Rollenverhalten bei Krankheit. In der Praxis erfuhr die Auswahl eine gewisse Einschränkung, da in einem weitgehend vorgegebenen Zeitrahmen vor allem keine aussagekräftige Anzahl von männlichen Urologie- und Chirurgiepatienten zur Verfügung stand. Diese Tatsache ist auf ein abweichendes Krankheitsverständnis muslimischer Migranten zurückzuführen, die nur bei drückendsten Beschwerden ein Krankenhaus aufsuchen und im Alter ihren Lebensmittelpunkt in die ehemalige Heimat zurückverlegen. Ergänzend zu den Patientenbefragungen wurden Interviews in Moschee - gemeinden bzw. Vereinigungen durchgeführt, die zur Abrundung des Bildes beitrugen. Ebenfalls parallel durchgeführte Befragungen in Arztpraxen bzw. unter Hebammen und dem Pflegepersonal zeigten deutlicher als die eigentli- chen Patientenbefragungen die in der Praxis auftretenden Schwierigkeiten im Umgang mit muslimischen und Migrantenpatienten, aber auch die bestehenden Informationsdefizite. In methodischer Hinsicht wurde nach dem Prinzip der qualitativen Sozialforschung gearbeitet, die mithilfe narrativer Interviews nach dem Beispiel von Alltagsgesprächen die subjektive Perspektive des Befragten erkundet, ohne dass durch ein zuvor festgelegtes Frageraster das Spektrum der möglichen Antworten bereits vorher beeinflusst oder gar festgelegt wird. Im Unterschied zu quantitativen Methoden bieten sich qualitative Methoden an, wenn es um die Beschreibung empirischer Sachverhalte und sozialer Prozesse geht.1 Problematisch ist bei dieser Methode gelegentlich, einen guten Zugang zu den Probanden zu finden: Voraussetzung für eine gelungene und wirklichkeitsnahe Studie in gesellschaftlichen Sondergruppen ist daher der freundschaftliche Kontakt zu Mitgliedern der fraglichen Gruppe , der im vorliegenden Fall wegen bereits bestehender persönlicher Beziehungen in fast optimaler Weise gegeben war. Islamische Medizin Die heute so selbstverständliche Trennung von Medizin und Religion ist ein Produkt der Renaissance und dem folgenden Zeitalter der Aufklärung und damit relativ jungen Datums. Bis dahin waren Religion, Medizin und Wissenschaft so eng miteinander verbunden, dass die Lehre von den Erkrankungen des Leibes und des Geistes nicht getrennt von der Stellung des Menschen im Weltbild und damit der Religion betrachtet werden konnte - dies gilt für die damalige islamische und christliche Welt gleichermaßen. Beide gehen letztlich auch auf die gleichen Grundlagen, nämlich die griechisch-römischen Medi - zinalschriften des ersten nachchristlichen Jahrhunderts zurück. Die antike Medizin hatte an einigen Plätzen des ehemaligen Römischen, dann des Byzantinischen Reiches überdauern können und zuletzt im liberalen und wissenschaftsfreundlichen Abassidenreich neue Schwerpunkte gebildet. Hier übersetzte man seit dem 9. Jh. nicht nur alle bekannten medizinischen Werke ins Arabische; auch die Übersetzungen der naturphilosophischen Schriften wurden hier vorgenommen und durch ein reiches eigenes Schrifttum ergänzt. Unter den vielen bedeutenden medizinischen Autoren dieser Zeit sind Gelehrte wie Ali ibn Sahl Rabban al-Tabari (um 235 islamischer/850 christlicher Zeitrechnung), Abu Bakr Muhammad ibn Zakariya al-Razi (251/865-313/925), Ali ibn al-Abbas al-Majusri oder vor allem Abu Ali al-Husayn ibn Abdallah ibn Sina (geb. 370/980) hervorzuheben. Dieser schon zu Lebzeiten berühmte, in Europa un- ter dem Namen Avicenna bekannte …
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