Dziri, Was ist, wozu ist, für wen ist „Islamische Tradition"?

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IV - 1.14 Was ist, wozu ist, für wen ist „Islamische Tradition“? Traditionstheoretische Grundlagen und zeitgenössische Debatten [What is “Islamic tradition”, what is it for and for whom? Theoretical foundations of tradition and contemporary debates] Amir Dziri Zusammenfassung „Islamische Tradition“ ist ein ubiquitärer Begriff, was seine klare Definition stark erschwert. Dennoch lassen sich einige Kennzeichnen identifizieren, die die Bestimmung „islamischer Tradition“ begünstigen. Die Verhandlung von Vergangenheitspflege und Zukunftsorientierung oder das Verhältnis von historischer Stiftung religiöser Offenbarung und interpretativer Aktualisierung in der Gegenwart bilden etwa solche Kennzeichen. Der Blick in die transdisziplinäre Traditionstheorie hilft dabei, konzeptionelle Verständnisse islamischer Tradition schärfer zu erfassen, und bietet sich daher als gewinnbringende Diskussionsgrundlage für die Wiedergabe spezifischer Beispiele der muslimischen Traditionsdebatte an. Der Traditionsbegriff der muslimischen Perennialisten, die von Ḥasan Ḥanafī ausgelöste Traditionsdebatte in der arabischen Öffentlichkeit und der Entwurf einer islamischen Vergangenheitsmethodologie des pakistanisch-amerikanischen Intellektuellen Fazlur Rahman dienen als ausgewählte Orte der modernen muslimischen Traditionsdebatte. Im Anschluss daran wird Talal Asads Vorstellung einer „islamischen Diskurstradition“ eingeführt und im Hinblick auf seine Relevanz für eine Weiterentwicklung der muslimischen Traditionsdebatte diskutiert. Schlagwörter: Tradition, islamische Tradition, Diskurs, Reform, Authentizität, Autorität, taqlīd, iǧtihād, Normativität Submitted June 18, 2024, and accepted for publication January 28, 2025 Editor: Serdar Kurnaz Summary ‘Islamic tradition’ is a ubiquitous term, which makes it very difficult to define. Nevertheless, some characteristics can be identified that favour the definition of ‘Islamic tradition’. The negotiation of past and future or the relationship between the historical foundation of religious revelation and interpretative actualisation in the present are such characteristics. A look at the trans-disciplinary theory of tradition helps to gain a clearer understanding of conceptual understandings of Islamic tradition and is therefore a useful basis for the discussion of specific examples of the Islamic tradition debate. The concept of tradition forwarded by Muslim Perennialists, the debate on tradition in the Arab public triggered by Ḥasan Ḥanafī and the draft of an Islamic methodology of the past by the Pakistani American intellectual Fazlur Rahman serve as examples of the modern Muslim debate on tradition. Subsequently, Talal Asad’s idea of an ‘Islamic discourse tradition’ is introduced and discussed with regard to its relevance for the further development of the Muslim tradition debate. Keywords: Tradition, Islamic Tradition, discourse, reform, authenticity, authority, taqlīd, ijtihād, normativity 1 „Tradition“ in der transdisziplinären Traditionstheorie „Tradition“ ist ein alter und mit enormer inhaltlicher Spannbreite versehener Begriff. Er leitet sich vom lat. trans-dare = übergeben (verkürzt tradere ) ab und beschreibt eine dreigliedrige Übergabehandlung: Die Tradentin /der Tradent übergibt der Rezipientin /dem Rezipienten ein Traditum (Pl. Tradita ). Dieses Elementarverhältnis menschlicher Handlung und Beziehung wird im Laufe der Jahrhunderte im Hinblick auf spezifische Ausdrucksfelder wie Recht, Kunst, Religion, Wissenschaft oder Kultur diversifiziert. Im Römischen Recht bezeichnet Tradition etwa einen Rechtsbegriff, der die Übergabe eines Objektes von einer Eigentümerin/einem Eigentümer auf eine/-n andere/-n schützt. Der Traditionsbegriff entmaterialisiert sich im Anschluss weg von seiner Beschreibung eines Elementarverhältnisses zwischenmenschlicher Interaktion hin zu einem sinnhaften Begriff der Übergabe abstrakter Güter. Gerade im Bereich der Theologie gewinnt Tradition eine außerordentliche Bedeutung, weil sie nicht bloß die profane Übergabe von Religionswissen von einer Generation auf die andere beschreibt, sondern die Übergabe von sakralem, heilsrelevantem Wissen von einem transzendenten Gott an einen kontingenten Menschen konzeptionell einzufangen versucht. Diese Weitläufigkeit erklärt, warum es wenige Versuche gibt, Tradition als theoretisch-systematischen Begriff der Human- und Geisteswissenschaften zu erfassen. Es gibt keinen philosophischen Fachbegriff der Tradition. In jüngerer Zeit jedoch haben Thomas Winter1 und Karsten Dittmann2 wichtige Entwürfe einer philosophischen Traditionstheorie vorgelegt. Dieser Umstand bedeutet nicht, dass es keine philosophische Beschäftigung mit Tradition überhaupt gäbe. Allerdings ist diese eingeflochten in andere Primärfragestellungen der jeweiligen Autorinnen und Autoren. Hans-Georg Gadamer nimmt im …
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