Djihad im Islam - Bedeutung und Wandel eines Phänomens
MONIKA TWORUSCHKA
Vorbemerkung
Das Thema Djihad, der so genannte „Heilige Krieg“ im Islam, ist unabhängig von der politischen Aktualität deshalb besonders interessant, weil es die Diskrepanz zwischen dem Selbstbild und dem Fremdbild dieser Religion besonders deutlich macht. Der Islam wurde vom christlichen Abendland fast immer als Bedrohung begriffen. Abgesehen von vereinzelten Phasen der Begegnung, wie etwa zur Zeit der Aufklärung oder während des osmanisch-deutschen Bündnisses im 1. Weltkrieg, blieb das Bild vom gewalttätigen, fanatischen Muslim, der Europa „mit Feuer und Schwert“ bekämpft, erhalten. Diese unterschwellige Angst vor den Krummsäbel schwingenden Muslimen, die bereits einmal vor den Toren Wiens standen, scheint auch heute noch lebendig zu sein, wenn bei der Berichterstattung über den Nahen Osten oder angesichts des zunehmenden Islamismus die politischen und militärischen Auseinandersetzungen dem angeblich besonders aggressiven Charakter des Islam angelas - tet werden. Dieses Problem wird dadurch verschärft, dass sich immer mehr extreme islamische Gruppen des Wortes Djihad bedienen, wenn sie Anschläge oder Selbstmordattentate verüben.
Nichtmuslime kennen vom Koran oft nur seine vermeintlichen Aussagen über Krieg und Andersgläubige, obwohl diese Aussagen nur einen geringen Prozentsatz der Verse ausmachen. Die mit der Ausbreitung des islamischen Herrschaftgebiets verbundenen Kriege, die jedoch nicht mit dem Terminus Djihad zu bezeichnen sind, haben bei vielen den Eindruck entstehen lassen, dass Mohammed und der Koran das Ziel hatten, andere Menschen mit Gewalt zum Islam zu bekehren.
Vielen Nichtmuslimen ist nicht bewusst, dass die Worte Barmherzigkeit und Frieden weit häufiger im Koran vorkommen als kämpfen und Krieg. Bei einer sich über viele Jahre erstreckenden Analyse des Islambildes aller in der Bundesrepublik Deutschland zugelassenen Schulbücher der 1980er Jahre1 konnte im Fach Geschichte u.a. festgestellt werden, dass das Thema Djihad im Verhältnis zu anderen Fragen quantitativ überrepräsentiert ist. Da dies insbesondere für die Zitierung von Korantexten zutrifft, vermittelten einige Bücher den schiefen Eindruck, der Koran sei so etwas wie ein Kriegshandbuch. Häufig ist von der Ausbreitung des islamischen Glaubens die Rede, auch wenn es sich dabei um die Ausbreitung des islamischen Staates handelt. Schließlich
war auch die rhetorische Strategie, z.B. die Wortwahl, in vielen Büchern ein Indiz dafür, dass der Islam als besonders gewalttätig eingeschätzt wird. Abgesehen davon, dass nicht selten das Schlagwort „mit Feuer und Schwert“ verwandt wird, beschreiben die Autoren islamische Geschichte gern mit Begriffen und Metaphern, die Aktivität, Fanatismus und Gewalt implizieren. Die Muslime „bedrohen, dringen vor, erschüttern als Völkerwanderung, brausen heran, wälzen sich plündernd heran, stürzen sich auf, unterwerfen, erobern, überfluten in unübersehbaren Scharen, verbreiten ihren Glauben mit Feuer und Schwert, überrennen die Völker am Mittelmeer, brechen wie ein Wettersturm hinter der grünen Fahne ihres Propheten hervor, tragen den heiligen Krieg über die Grenzen Arabiens hinaus, stürmen in allen Himmelsrichtungen, unternehmen kühne Kriegszüge, während der Glaubenssatz ihres Propheten wie eine Brandfackel wirkt“. Die Bücher der Folgezeit stellten teilweise Verbesserungen dar. Das Thema Djihad ist dennoch bis heute ein neuralgischer Punkt geblieben.
Die meisten Muslime fühlen sich durch diese massive Betonung von Gewalt und Aggression verletzt. Sie argumentieren, dass der Islam zwar Kämpfe zur Erreichung bestimmter Ziele rechtfertige, dass aber die Nichtmuslime zumeist mit einer zu der damaligen Zeit in anderen Teilen der Welt unbekannten Toleranz behandelt wurden. Ferner stellten Kriege im Islam nur eine erlaubte Ausnahme, „Frieden“ (Salà m) hingegen den Normalzustand dar. Die Bezeichnung „Heiliger Krieg“ lehnen Muslime ohnehin ab, da es dazu kein arabisches Äquivalent gibt und Kriege nach islamischem Verständnis nicht heilig seien.
Djihad und Krieg im Koran
Wörtlich bedeutet Djihad „Mühe, Anstrengung“. Al-Djihad-fi Sabìl Allah ist der „Einsatz um der Sache Gottes willen“. In einem Teil der Koranverse ist mit diesem Einsatz eine gewaltsame kriegerische Handlung gemeint. Dieser Sachverhalt hat dazu geführt, dass Djihad oft mit „Heiliger Krieg“ übersetzt wurde, was jedoch irreführend ist; denn die arabische Sprache kennt mehrere Ausdrücke für Krieg und Kampf (z.B. Qital, Harb, Fath), die aber im Gegensatz zu Djihad hauptsächlich zum profanen Sprachgebrauch gehören.
Albrecht Noth hat vorgeschlagen, von einem „Heiligen Kampf“ zu sprechen, da Djihad nicht die offiziellen Eroberungskriege eines Staates, sondern den religiös verdienstvollen Kampf des Einzelnen bezeichnet.2 Im Arabischen kommt in diesem Zusammenhang das Wort heilig nicht vor. Es dient aber in unserem Sprachgebrauch dazu, den Djihad als ein von religiösen Motiven getragenes Unternehmen von profanen Kämpfen zu unterscheiden.
Obschon der Djihad nicht zu den fünf Grundpflichten gehört, die jeder Muslim erfüllen muss, gilt er als verdienstvolles Werk, für …
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Der vollständige Artikel umfasst 23 Seiten
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