Judentum in der Schweiz
DANIEL GERSON
Übersicht 1945-1990
Bei Kriegsende lebten 1945 vorübergehend etwas mehr als 50.000 Juden in der Schweiz. Davon waren knapp 30.000 Flüchtlinge. In ihrer großen Mehrheit mussten sie aufgrund einer weiterhin wirksamen antisemitischen Bevölkerungspolitik („Überfremdung“) bis Ende der Vierzigerjahre die Schweiz wieder verlassen. Die schweizerisch-jüdische Gemeinschaft von etwas mehr als 20.000 Mitgliedern setzte sich damals etwa zur Hälfte aus Menschen mit Schweizer Staatsbürgerschaft - zumeist „Westjuden“ - und zur anderen Hälfte aus Ausländern und Staatenlosen- zumeist „Ostjuden“ - zusammen.
Größere Einwanderungswellen gab es nach 1945 kaum. Am bedeutendsten war die Immigration mehrerer Tausend sefardischer Juden in die Westschweiz zwischen 1950 und 1980. Zuwachs für die Deutschschweiz brachten einige Hundert jüdische Flüchtlinge aus Ungarn, 1956, und aus der Tschechoslowakei, 1968. Juden aus der Sowjetunion gelangten nur vereinzelt in die Schweiz. Einige Tausend Israelis ließen sich in der Schweiz nieder, wobei nur ein kleiner Teil den Weg in das organisierte Judentum fand. Zugleich verließen mehrere Tausend Juden seit 1948 die Schweiz, um nach Israel auszuwandern.
Organisiert war die jüdische Gemeinschaft seit 1904 im Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG). Rund 80 % der jüdischen Bevölkerung war Mitglied in einer jüdischen Gemeinde. Dieser hohe Organisationsgrad sollte sich bis in die jüngste Vergangenheit halten.
Die meisten Gemeinden der Schweiz verstehen sich als „Einheitsgemeinden“. Doch je nach lokaler Tradition kann die Prägung der Gemeinde zwischen gemäßigter Reform und „Frankfurter“ Orthodoxie schwanken. Insgesamt führten die Erfahrung der Schoa sowie die damit verbundene kulturelle und religiöse Isolation nach der Vernichtung des deutschen und des polnischen Judentums bis in die Sechzigerjahre zu einer tendenziell eher konservativen Grundhaltung im rituell-halachischen Bereich.
Die Tradition des gemäßigt-liberalen Judentums, wie es in Deutschland bis zur Schoa in zahlreichen Gemeinden gepflegt wurde, fand jedoch in der Schweiz
in der „Vereinigung für das religiös-liberale Judentum“ seit den Fünfzigerjahren eine Fortsetzung. Männer wie der St. Galler Rabbiner Lothar Rothschild (1909-1974) sowie der Philosoph Hermann Levin Goldschmidt (1914-1998) und andere Flüchtlinge aus dem „Dritten Reich“ kannten diese deutsch-jüdische Lebenswelt noch aus eigener Erfahrung. Aktuelle Inspiration und Rückhalt kamen in der Nachkriegszeit von der Dachorganisation des liberalen Judentums, der „World Union for Progressive Judaism“. Der Anstoß zu einer umfassenderen Erneuerung jüdischen Gemeindelebens kam denn auch durch Juden und Jüdinnen aus dem angelsächsischen Raum, die sich in den Sechzigerjahren in Genf - Sitz zahlreicher internationaler Organisationen und Handelsgesellschaften - niedergelassen hatten und ihre britischen oder amerikanischen Reformgemeinden vermissten. Die Genfer „English Speaking Group“ führte seit Ende der Sechzigerjahre regelmäßig reformjüdische Gottesdienste durch. Dies inspirierte auch „alteingesessene“ französisch-sprachige Juden zur Bildung einer liberal-jüdischen Gruppe. In der sich 1970 konstituierenden „Groupe Israélite Libérale“ (seit 1985 „Communauté Israélite Libérale“) vereinigten sich schließlich „Franzosen“ und „Angelsachsen“ in Genf zur ersten jüdischen Reformgemeinde in der Schweiz.
Rabbiner Harry Brandt von der Genfer „English Speaking Group“ wurde 1978 zum Gründungsrabbiner der jüdisch-liberalen Gemeinde „Or Chadasch“ in Zürich berufen. Die Zürcher Gründung erfolgte, nachdem die „Israelitische Cultusgemeinde Zürich“ (ICZ) ihren liberal-religiösen Mitgliedern ein eigenes Rabbinat unter dem Dach der „Einheitsgemeinde“ verweigerte. Die Bildung …
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Der vollständige Artikel umfasst 21 Seiten
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