Bauer, Das Kabbalah Centre in Deutschland

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**III - 6.6.11 Das Kabbalah Centre in Deutschland** _**[The Kabbalah Centre in Germany]**_ Von Nicole Maria Bauer Zusammenfassung Jüdische und kabbalistische Praktiken werden im Kabbalah Centre adaptiert, transformiert und zu einem Werkzeug der Selbstoptimierung umgewandelt. Es stellt somit ein exzellentes Fallbeispiel für die Rezeption, Adaption und Transformation älterer religiöser Traditionen in der Gegenwartskultur dar. Es spiegelt sich darin ein Trend, der bereits in mehreren religionswissenschaftlichen Studien aufgezeigt werden konnte: das Auflösen der „modernen“ Grenzen zwischen Religion, Lifestyle, Populärkultur und therapeutischen Diskursen. Gleichzeitig wird der therapeutische Aspekt religiöser Gemeinschaften deutlich: Die Effektivität und Nutzbarkeit religiöser Praktiken treten in den Vordergrund, dagegen rücken religiöse und kulturelle Inhalte in den Hintergrund. Religiöse Narrative werden psychologisch und therapeutisch umgedeutet, religiöses Vokabular wird durch technologisches und psychologisches ersetzt. Der Impuls für die Teilnahme am Kabbalah Centre ist nicht die Suche nach Gott oder dem Heiligen, sondern die Möglichkeit einer stetigen Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung. Gleichzeitig rückt das Selbst ins Zentrum der Aktivitäten des Kabbalah Centre und dessen Akteure. In der Verheißung Philip Bergs zu „[w]erden wie Gott“1 lässt sich die Apotheose des Selbst erkennen, die wohl charakteristisch für die Religiosität unserer postmodernen, westlichen Gesellschaften ist. Schlagwörter: Kabbala, Kabbalah Centre, gegenwärtiges Judentum, Gegenwartsreligiosität, Populärkultur, Spiritualität Summary Jewish and Kabbalistic practices are adapted, transformed, and converted into tools for self-optimization in the Kabbalah Centre. It thus represents an excellent case study for the reception, adaptation and transformation of older Submitted February 04, 2019, and accepted for publication June 22, 2019. Editors: Walter Homolka, Hartmut Bomhoff religious traditions in contemporary culture. It reflects a trend that has already been demonstrated in several studies in religious studies: the dissolution of the “modern” boundaries between religion, lifestyle, Popular culture and therapeutic discourses. At the same time, the therapeutic aspect of religious communities becomes clear: the effectiveness and usability of religious practices are emphasized, but religious and cultural content takes a back seat. Religious narratives are reinterpreted psychologically and therapeutically, religious vocabulary is replaced by technological and psychological. The impetus for attending the Kabbalah Center is not the search for God or the saint, but the possibility of continuous self-optimization and self-realization. At the same time, the self is at the center of the activities of the Kabbalah Center and its protagonists. In Philip Berg’s promise to “earth like God”, the apotheosis of the Self, which is characteristic of the religiosity of our postmodern Western societies, can be seen. Keywords: Kabbalah, Kabbalah Centre, present day Judaism, present day religion, popular culture, spirituality 0 Einleitung Rote Wollfäden an den Armgelenken, die Popsängerin Madonna, die sich Esther nennt, Massenevents mit jüdischen Inhalten und weiß gekleidete Männer - was hat all das mit der jüdischen Kabbala zu tun? Aus jüdischer Innenperspektive betrachtet umfasst Kabbala jenen Teil der jüdischen Tradition, der sich den geheimen Aspekten der Heiligen Schrift, der Tora , zuwendet und auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblickt. Nur besonders frommen jüdischen Männern war der Zugang zu den mystischen Schriften und damit verbundenen Praktiken gewährt. Tiefgehende Torakenntnisse, die vollkommene Identifikation mit den jüdischen Geboten und Verboten ( mizwot ) galten als Grundvoraussetzung, sowie ein Mindestalter von 40 Jahren. Noch heute folgen ultra-orthodoxe und chassidische Juden dieser Tradition. Im heutigen Israel/Palästina erfahren kabbalistische Gruppen nicht zuletzt durch die Popularisierung von Kabbala durch die akademische Kabbala-Forschung neu erwachtes Interesse. Spätestens seit der New-Age-Bewegung scheint Kabbala auch außerhalb des Judentums en vogue zu sein. Durch die mediale Präsenz des Kabbalah Centre, dessen bekannteste Anhängerin Madonna ist, sowie andere Hollywood-Stars ist die ehemals jüdische Kabbala in den letzten Jahren zu einem populärreligiösen Phänomen geworden, dessen Präsenz auch von der Religionsforschung immer mehr Beachtung findet.2 Das gegenwärtige Kabbalah Centre zählt dabei zu jenen spätmodernen religiösen Organisationen, die alte religiöse, in diesem Fall jüdische Inhalte und Praktiken aufgreifen, weiterentwickeln und diese losgelöst vom traditionellen Hintergrund …
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