Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen)
**- Generelle Anmerkungen zum Begriff und zur frühen Geschichte und zusammenfassende Darstellung zur „Church of Jesus Christ of Latter-day Saints“** Von Franz Winter
Zum Begriff „Mormonen“
Der Ausdruck „Mormonen“ ist unpräzise, weil damit oft alle Gruppierungen und Denominationen bezeichnet werden, die sich - in welcher Form auch immer - mit der Tradition um Joseph Smith und das Buch Mormon verbinden. Deshalb wird der Begriff vielfach von den damit Bezeichneten nicht gerne gesehen oder sogar abgelehnt, zumal er zu problematischen Verwechslungen und Pauschalierungen führen kann. Nichtsdestotrotz ist der Ausdruck allgemein gebräuchlich und muss jeweils auf seinen Zusammenhang hinterfragt werden. In den meisten Fällen wird damit die Religionsgemeinschaft der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ ( The Church of Jesus Christ of Latterday Saints ; im Folgenden: LDS -Kirche) bezeichnet, die weltweit derzeit um die 14 Millionen Mitglieder angibt. Dieser Artikel beschäftigt sich nach einer allgemeinen Einleitung und den wichtigsten Angaben zum Gründer wie der frühen Entwicklungsgeschichte mit dieser größten Gemeinschaftsbildung der mormonischen Tradition.1
Zur Person des Gründers und den maßgeblichen Traditionslinien
Als Begründer der mormonischen Tradition gilt Joseph Smith (1805-1844). Auf sein Wirken ist die Entstehung der konstituierenden Schrift zurückzuführen, er konnte eine erste Gemeinschaftsbildung organisieren, die so weit tragfähig war, dass sie auch seinen frühen Tod überdauerte. Deshalb ist es legitim, in ihm den klassischen „Religionsstifter“ zu sehen, wenn er von seinem Selbstverständnis her auch die Restituierung der ursprünglichen christlichen Tradition betrieb. Durch die zeitliche Nähe und die vielen begleitenden Berichte und Zeugnisse sind wir gut über viele biografische Details informiert, wenn auch viele Fragen ungeklärt bleiben.
Geboren wurde Joseph Smith am 23. Dezember 1805 in Sharon im US-Bundesstaat Vermont als Sohn von Joseph und Lucy Mack Smith. Die Zeit war geprägt von vielen wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen. Das vorhergehende 18. Jahrhundert war durch den Befreiungskampf der jungen amerikanischen Nation erschüttert worden, was für die Bevölkerung viele Entbehrungen mit sich brachte. Dies gilt insbesondere für den östlichen Raum, der noch dazu landwirtschaftlich nur schwer nutzbar war. Das war auch der Grund, warum viele große Hoffnungen in eine Umsiedelung in die weiter westlich gelegenen Teile der USA setzten. In diesem Sinne bewegte sich auch der Familienverband, dem Joseph Smith angehörte, von Massachusetts und New Hampshire zunächst in das Gebiet der großen Seen im Bundesstaat New York und dann weiter nach Ohio, Missouri und Illinois. Die Zeit war zudem geprägt von einer großen Zahl an religiösen Erneuerungsbewegungen und Gemeinschaftsbildungen, die zusammengefasst zumeist als Second Great Awakening bezeichnet werden. Ihnen allen gemeinsam ist die starke Betonung des individuellen Zugangs des Einzelnen zu religiösen Inhalten und Gefühlen, die den als zu hierarchisch und starr empfundenen herkömmlichen kirchlichen Strukturen entzogen werden sollten. Getragen war diese Bewegung in erster Linie von charismatischen Predigern, die ihre Botschaft insbesondere im Gebiet der nordöstlichen USA verbreiteten. Schon die Familie, in der der spätere Religionsgründer hineingeboren wurde, war tief geprägt von dieser allgemeinen religiösen Aufbruchstimmung und sein Wirken selbst kann als Teil dieser Entwicklung und der damit verbundenen Fragehaltungen verstanden werden.
Joseph Smith beanspruchte für sich in einem erstmals 1832 beschriebenen Ereignis ein erstes religiöses Erlebnis für sein 16. Lebensjahr. Dabei wird von einer Begegnung gesprochen, konkret einer Licht- und Feuersäule, die sich auf den jungen Joseph herabsenkte. Dieses Ereignis ist verschiedentlich überliefert und lässt eine deutliche Steigerung in der Wertung durch den späteren Joseph Smith erkennen,2 bis hin zur Stilisierung als Initiallegende der neuen Glaubensgemeinschaft. In der narrativen Tradition der mormonischen Gemeinschaft wird dieses erste Erlebnis schließlich zur sogenannten „ersten Vision“ (Gastvision) und erfährt auch in vielen ikonografischen Darstellungen eine spezifische Ausgestaltung.
Die zweite Begegnung soll dann am 21. September 1823 erfolgt sein: Hier erschien nun schon der für die nachfolgende Auffindung des Buches Mormon zentrale Engel Moroni und gab Informationen über Urkunden aus einer Vorzeit an Joseph weiter. Gemäß der mormonischen Darstellung wurde der junge Joseph nun schon zu diesem Zeitpunkt an den Fundort geführt, dem Hügel
Cumorah (bei Palmyra im Bundesstaat New York). Dabei wurden ihm bereits die goldenen Platten und das notwendige Zubehör gezeigt, allerdings musste ein Zeitraum von vier Jahren abgewartet werden, bis die Bearbeitung des Fundes und seine Veröffentlichung möglich sein sollten. Im Jahr 1827 war es dann soweit: Im September soll er die Tafeln an ihrem Aufbewahrungsort ausgegraben und mit der Bearbeitung begonnen haben. Deren Übertragung ins Englische, die ihm die ebenfalls beigelegten Urim und Thummim ermöglichten, die von Joseph Smith als eingefasste „durchsichtige Steine“ ( transparent stones ) beschrieben wurden, war 1830 abgeschlossen, und im selben Jahr …
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Der vollständige Artikel umfasst 23 Seiten
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