Hasselmann, Interkulturelle Erziehung als Basiskompetenz des 21. Jahrhunderts

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Interkulturelle Erziehung als Basiskompetenz des 21. Jahr - hunderts. Begründung, Konzept, Institutionelle Ansätze und Beschränkungen II - 4.2.4 CHRISTEL HASSELMANN Bildungspolitische Handlungsnotwendigkeit durch Multikulturalität und Globalisierung Jahrhundertelang galt es, in der Schule vorrangig so genannte Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen und Religion zu vermitteln, um die Heranwachsenden mit diesen Fähigkeiten auf die Bewältigung des Erwachsenenlebens vorzubereiten. Aufgrund wirtschaftlicher Anforderungen erweiterte sich die Stundentafel allmählich auf weitere Unterrichtsfächer. Angesichts des heute immer schneller globalisierenden Bewusstseins, d.h. der Tatsache, dass Menschen anderer Kulturen uns ihre Koexistenz bewusst machen, ist ein weiterer Paradigmenwechsel bildungspolitischen Denkens überfällig. Deutschland ist seit der Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes am 01.01.2005 offiziell ein Einwanderungsland geworden. Die Integration der hier lebenden Menschen ist durch das Zuwanderungsgesetz eine der großen ungelösten gesellschaftlichen Aufgaben. Zugleich lässt sich festhalten: Der jetzige Umgang mit der gesellschaftlichen Heterogenität wird das zukünftige Menschenbild prägen. Bundesinnenminister Schäuble wendet sich gegen eine mögliche „Gettoisierung“ und die Bildung von Parallelgesellschaften. Er bezeichnet die Integration von Zuwanderern als eine der vordringlichsten Aufgaben für die Zukunft, gleichzeitig müssten die Menschen, die nach Deutschland kommen, aber „auch als Bereicherung empfunden werden“.1 Es hat sich längst herausgestellt, dass aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeiten und Verflechtungen ein abgeschottetes Nebeneinander der Kulturen mit jeweils eigenen Werten innerhalb einer Gesellschaft nicht möglich ist. Es würde ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft bedeuten. Ohne die Einigung auf gemeinsame Werte kann eine Gesellschaft nicht existieren. Somit bleiben als Alternativen nur die beiden anderen Wahlmöglichkeiten: die eines Miteinanders oder die eines Gegeneinanders der Kulturen. Die zukünftige Bildungs - politik fungiert hier als das „Zünglein an der Waage“: Wird man die ethnische Vielfalt als Gefahr oder als Chance erkennen? Wird man die Pluralität, deren positiven Wert man in Bereichen wie Natur, Nahrungsangebot, Wirtschaft und Wissenschaft längst erkannt hat, auch im gesellschaftlichen Bereich erkennen und nutzen? Eines lässt sich auf jeden Fall heute schon feststellen: Angesichts der weltweit zu lösenden Probleme, angesichts der globalen Abhängigkeit, angesichts der Migrationsbewegungen und des daraus folgenden Zusammenwachsens der Kulturen erweisen sich die in der Schule gelehrten traditionellen Kulturtechniken als Basiskompetenzen für das 21. Jh. als unzureichend und veraltet. Die Nachnamen vieler deutscher Staatsbürgerinnen und -bürger belegen untrüglich, dass die Deutschen schon immer ein Volk aus vielen Völkern waren. In den letzten Jahren jedoch drängten so viele Menschen wie noch nie zuvor aus allen Teilen der Welt nach Deutschland und Europa. Obwohl der Anteil der Migrantenkinder besonders in den deutschen Großstädten enorm hoch ist und stetig steigt, existiert eine die Kulturen verbindende, eine interkulturelle Bildung im Wesentlichen nur auf dem Papier und scheint in Deutschland in der praktischen Umsetzung weitgehend in einem Schattendasein zu verkümmern. Trotz der starken Zuwanderung der letzten Jahrzehnte ist interkulturelle Bildung noch immer kein obligatorischer Bestandteil der Lehrerausbildung. „Die Länder bilden meist für eine Monokultur aus, die es gar nicht gibt“, so konsta - tiert Jeannette Goddar in der Gewerkschaftszeitung „Erziehung und Wissenschaft“ (E&W).2 Es mangelt nicht an Stellungnahmen zur interkulturellen Erziehung und Integration. Sie sind in zahlreichen Stellungnahmen, Erlassen, Verordnungen und Schulgesetzen zu finden. Der Erziehungsauftrag, Bestandteil der Schulgesetze aller Bundesländer, fordert in deutlichen Worten eine interkulturelle Erziehung. Auch der Beschluss der Kultusministerkonferenz aus dem Jahre 1996 trägt den Titel „Interkulturelle Bildung und Erziehung“. Dort heißt es: „Wie alle Ziele der allgemeinbildenden Persönlichkeitsentwicklung in der Schule ist auch die interkulturelle Bildung und Erziehung auf die Entwicklung von Einstellungen und Verhaltensweisen gerichtet. Die Schule vermittelt dazu Kenntnisse, entwickelt Einsichten, trägt zur Urteilsbildung bei und fördert wertorientiertes Handeln, indem sie die ihr zugänglichen Lern-, Lebens- und Erfahrungsräume aktiviert […].“3 „Integration: mangelhaft!“, zu diesem Ergebnis kam es in der Auswertung der PISA-Ergänzungsstudie. Die sträfliche Vernachlässigung der Migrantenkinder in Deutschland wird durch die OECD-Studie im weltweiten Vergleich empirisch ans Tageslicht gebracht. In keinem anderen Industrieland sind die Bildungschancen so ungerecht verteilt wie in Deutschland. Konkrete einschneidende Veränderungen sind bisher ausgeblieben. Auch der Bildungsexperte der UN-Menschenrechtskommission Muñoz hat im Rahmen einer Visite im Februar …
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