## **II - 1.1.1.8 Tod und Bestattung in den orthodoxen Kirchen**
Kai Merten
Es gibt nicht die einheitliche orthodoxe Kirche. Die Welt der Orthodoxie besteht vielmehr aus einer großen Zahl voneinander unabhängiger (autokephaler) Kirchen, die in der Regel auf dem Nationalitätenprinzip beruhen. Trotzdem sind die Gemeinsamkeiten in Theologie und Frömmigkeit so groß, dass die vorliegende Thematik insgesamt behandelt werden kann - solange man sich bewusst ist, dass in der einen oder anderen orthodoxen Kirche geringe Abweichungen von der vorliegenden Darstellung vorkommen können.
Die orthodoxen Kirchen bekennen die Auferstehung der Toten und das ewige Leben der kommenden Welt.1 Die menschliche Seele ist nach orthodoxer Lehre unsterblich geschaffen und wird beim Tod vom Körper getrennt.2 Sie befindet sich danach in einer Art Zwischenzustand, der bis zum Jüngsten Gericht mit der allgemeinen Auferstehung andauert.
„Die Heiligen Väter der Kirche [haben] vom Altertum an den Pfad der Seele nach ihrer Trennung vom Körper als einen Pfad durch solcherart geistige, ausgedehnte Bereiche geschildert, in denen dunkle Mächte jene zu verschlingen suchen, welche geistlich schwach sind, und man es daher besonders nötig hat, von den himmlischen Engeln verteidigt zu werden und durch das Gebet aufseiten der lebendigen Mitglieder der Kirche Unterstützung zu erhalten.“3
Der syrisch-orthodoxe Katechismus beschreibt diesen Zustand so:
„Die Seelen der Gerechten gehen beim Tode sogleich ins himmlische Paradies ein, wo sie einen Vorgeschmack jener ewigen Seligkeit und Freude, der beseligenden Schau Gottes in seiner himmlischen Herrlichkeit bekommen, die sie dann im Himmel empfangen werden. Die Seelen der Bösen aber, die im Stand der Todsünde sterben, kommen sogleich nach dem Tod in den [sic!] Scheol oder Hades, wo sie in der Erinnerung an ihre irdischen Taten von ihren Gedanken an die Qualen der Hölle gepeinigt werden, die dann am Jüngsten Tag über sie kommen werden.“4
Bereits dieser Weg der Seele ist demnach davon geprägt, wie ein Mensch auf Erden gelebt hat. Die Lehren von einem Seelenschlaf oder von einem Fegefeuer kennen die orthodoxen Kirchen dagegen nicht.5
Das endgültige Gericht über die Taten, entweder zur vollen, ewigen Seligkeit oder zur endgültigen Qual, findet erst am Jüngsten Tag nach der allgemeinen Auferstehung statt. Wie bereits das erste Zitat deutlich macht, besteht deshalb in der Zeit bis dahin nicht nur die Möglichkeit, dass die Kirche für ihre Verstorbenen betet, sondern man empfindet es geradezu als eine Notwendigkeit. Die Gebete sollen eventuelle Qualen der Seele nach dem Tod erträglicher machen oder ganz wegnehmen.6 Dies geschieht durch ein „ewiges Gedenken“ in der Liturgie und in den Gebeten. Dabei ist weniger daran gedacht, dass wir unsere Verstorbenen nicht vergessen wollen und sollen. Vielmehr erinnert die Kirche Gott daran, die Toten ewig in seinem Gedächtnis zu behalten. Für orthodoxe Gläubige ist diese Vorstellung sehr wichtig. Nicht selten gehen sie aus diesem besonderen Grund in die Gottesdienste.7
Bei der allgemeinen Auferstehung werden Körper und Seele wieder vereint und zugleich verwandelt. Sie sind nun frei von Schwächen und Gebrechen sowie ohne körperliche Bedürfnisse. Sie gleichen dem geistlichen Leib der Engel.8
Diejenigen, die in Christus gelebt haben und gestorben sind, durchlaufen zwar das Jüngste Gericht, erlangen aber danach die volle Seligkeit, wobei die Herrlichkeit, die sie erwartet, in Graden aufgeteilt gedacht ist. Gott teilt sie ihnen gemäß ihrer Würde zu, sodass die Gnade Gottes in den Seligen in größerem oder geringerem Maße aufstrahlt. Doch dieser Umstand trübt die allen zukommende Freude nicht, weil sie keinen Kummer und keinen Neid mehr kennen.9
Die anderen jedoch ereilt im Jüngsten Gericht der zweite Tod, der ewige Verdammnis und Qual bedeutet, woraus man nicht mehr entkommen kann. Gottes Barmherzigkeit ist zwar unaussprechlich und grenzenlos, aber nach orthodoxer Theologie hat der Mensch zu seinen Lebzeiten die Freiheit, diese Barmherzigkeit zurückzuweisen und sich damit selber das Urteil zu sprechen. Wer in seiner Sünde verharrt, in dem kann Gott nicht aufstrahlen.10
Doch die Freude darüber, in der Ewigkeit Gott schauen zu dürfen, bestimmt die orthodoxe Liturgie und Frömmigkeit dermaßen, dass sie alle Angst vor …
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Der vollständige Artikel umfasst 5 Seiten
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