Körper und Sexualität im Zentrum von Ordnung, Kontrolle und Macht. Perspektiven der religionswissenschaftlichen Geschlechterforschung [Body and sexuality at the center of order, control, and power. Perspectives from gender studies in religious studies]
Doris Decker, Marita Günther & Verena Maske
Zusammenfassung
Dem Beitrag liegt die Prämisse zugrunde, dass Körper und Sexualität im Zentrum gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse um Ordnung, Kontrolle und Macht stehen und daher in einer Analyse des Verhältnisses von Religion und Geschlecht grundsätzlich als Kategorien einbezogen werden sollten. Eine zu den Interdependenzen dieser Kategorien arbeitende gendertheoretische Religionswissenschaft kann wichtige Forschungsperspektiven in Bezug auf zunehmende religiös konservative, antifeministische und antigenderistische sowie antidemokratische Bewegungen einnehmen. Ziel des Beitrags ist es, anhand einer Nachzeichnung aktueller gesellschaftspolitischer Entwicklungen die Relevanz der religionswissenschaftlichen Geschlechterforschung für bisher wenig untersuchte und im Beitrag offengelegte Forschungsfelder aufzuzeigen. Um diese Forschungsperspektive zu entfalten, werden Einblicke in die Geschichte und den aktuellen Stand der Forschung mit dem Fokus auf die Verknüpfung von Körper, Geschlecht und Sexualität gegeben, aktuelle Themenfelder und Desiderate einer religionswissenschaftlichen Geschlechterforschung aufgezeigt und der elementare Stellenwert dieses Forschungsansatzes für die Fachdisziplin und öffentliche Diskurse diskutiert. Den Beitrag schließen wir mit sich für uns ergebende Forschungsperspektiven und Postulate.
Schlagwörter: Geschlechterforschung, gendertheoretische Religionswissenschaft, Körper, Sexualität, Forschungsgeschichte, Forschungsperspektiven
Submitted August 26, 2025, and accepted for publication September 16, 2025 Editors: Doris Decker, Marita Günther, Verena Maske
Summary
This article argues that body and sexuality constitute central arenas of societal negotiations of order, control, and power, and must therefore be considered essential categories in analyzing the relationship between religion and gender. A gender-theoretical study of religion attentive to the interdependencies of these categories offers critical perspectives, particularly in light of the growing impact of religiously conservative, anti-feminist, antigender, and anti-democratic movements. Drawing on current socio-political developments, the article demonstrates the relevance of gender-theoretical approaches for research areas that remain underexplored. It traces the history and current state of gender-focused scholarship in the study of religion, focusing on the intersections of body, gender and sexuality and highlights key themes and desiderata of research on gender in the study of religions. Furthermore, it discusses the fundamental importance of this orientation for both the discipline and public discourse. The article concludes by outlining emerging research perspectives and postulates.
Keywords: Gender Studies, gender-theoretical studies of religions, body, sexuality, research history, research perspectives
1 Einführung
Das Verständnis von und der Umgang mit Körper und Sexualität sind bedeutende, vielschichtige Felder der Auseinandersetzung in Religionen, die von unterschiedlichen, zuweilen gar widersprüchlichen Sichtweisen und Interpretationen innerhalb und zwischen religiösen Lehren und Lebenspraktiken geprägt sind.1 Körper, die geschlechtsspezifisch gelesen werden, sind ein elementarer Bestandteil des erfahrungsbezogenen Aus- und Er-Lebens religiöser Praktiken. Sie werden dabei häufig mit dichotomen Deutungen wie rein vs. unrein konfrontiert, wobei Reinheit etwa durch rituelle und körperverändernde, häufig geschlechtsspezifische Praktiken sowie symbolische Akte (wieder)hergestellt und zugleich mit Vorstellungen von Heil und Heilung verbunden wird. Häufig anzutreffen sind dualistische Weltdeutungen, die Körper, Emotionen, Sexualität und Fürsorge weiblich, Geist, Verstand, Selbstkontrolle und Durchsetzungskraft männlich konnotieren, und die mit einer binären und heteronormativen Konstruktion von Geschlecht einhergehen. Frauen werden in diesem
Zusammenhang oft als unrein oder als Ursache für Unreinheit und (sexuelles) Verlangen angesehen, welches die soziale Ordnung destabilisieren oder gar vernichten könne und daher kontrolliert und beherrscht werden müsse. Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt werden als außerhalb der religiös legitimen Ordnung meist sanktioniert.2 Anhand dieser (dichotomen) Deutungen werden Teilhabe und Ausschluss am sozialen Leben reguliert, was mit begrenzenden oder eröffnenden Auswirkungen auf die jeweilige Lebensgestaltung einhergeht. Insbesondere Sexualität als eine spezifische Körperpraxis, als körperliches Grundbedürfnis nach Lusterfüllung, der weitere Funktionen wie Reproduktion, Beziehungsgestaltung und Machtdemonstration zukommen, wird in Religionen oft mit unterschiedlichen Forderungen verbunden. Diese reichen von sexueller Enthaltsamkeit etwa im Zölibat, in …
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 16 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 16 Seiten