Tworuschka, Klänge – Atmosphären – Hörerfahrungen

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I - 32 Klänge - Atmosphären - Hörerfahrungen. Der auditive turn in der Religionswissenschaft [Sounds - atmospheres - listening experiences. The auditory turn in Religious Studies] Udo Tworuschka Michael Klöcker zum 80. Geburtstag Zusammenfassung Der Beitrag fasst vorherige Beiträge des Autors im Kontext des „auditive turn“ zusammen und führt sie fort. Er umreißt die Aufgaben der Religionswissenschaft zum Themenbereich des Sonischen, präsentiert Definitionen und zeichnet Grundlinien einer sonischen Religionsphänomenologie auf. Am Beispiel von Rudolf Ottos Heiligkeitserlebnis in Marokko 1911 wird die auditive Wahrnehmung von Räumen, akustischen Erinnerungsorten und der spezifischen Variante des vertikalen Hörens dargestellt. Mit den Konzeptionen von Aura, Atmosphäre und Stimmungsraum soll versucht werden, Ottos auditives Heiligkeitserlebnis zu verstehen. Schlagwörter: Auditive turn, hören, horchen, lauschen, Schall, Klang, Ton, Geräusch, Lärm, Stille, sonisch, modes of listening, Radio, Neo-Religionsphänomenologie, kontextuelle Religionsphänomenologie, sensualistische Wahrnehmungstheorien, Biophonien, Geophonien, Anthropophonien, Rudolf Otto, das Heilige, chill-Effekt, Aura, Atmosphäre, Stimmungsraum Summary The article summarizes and continues the author‘s previous contributions in the context of the „auditive turn“. It outlines the tasks of Religious Studies in the field of the sonic, presents definitions and draws the basic lines of a sonic phenomenology of religion. Using the example of Rudolf Otto‘s experience of holiness in Morocco in 1911, the auditory perception of spaces, acoustic Submitted August 20, 2023, and accepted for publication September 10, 2023 Editor: Martin Rötting places of memory and the specific variant of vertical hearing is presented. With the concepts of aura, atmosphere and atmospheric space, an attempt is made to understand Otto‘s auditory experience of holiness. Keywords: Auditive turn, hearing, eavesdropping, sound, tone, noise, silence, sonic, modes of listening, radio, neo-religious phenomenology, contextual pheno- menology of religion, sensualistic theories of perception, biophony, geopho ny, anthropophony, Rudolf Otto, the sacred, chill effect, aura, atmosphere, mood space 1 Einleitung Die ältere Religionswissenschaft interessierte sich vorwiegend für historische Religionen und war daher textorientiert. Dass Räume, Gewänder, Geräte, Bilder, Zeichnungen, Plastiken, Skulpturen, Fotografien, Filme, Fernsehen, Onlinemedien, Ausstellungen religionswissenschaftlich bedeutsame (z. T. nonverbale) Quellen sind, musste sich erst durchsetzen. Das Optische ist heutzutage allgegenwärtig. Keine gleichwertige Aufmerksamkeit hat die hörbare Seite der Religion(en) erlangt. Sowohl die (ältere) Religionsphänomenologie als auch die Religionsästhetik spiegeln die Randständigkeit des Akustischen. Doch Schall , also reiner Ton, Klang als Tongemisch, und Lärm bzw. Geräusch , also unstrukturierte, nicht-periodische Laute - von manchen als Un-Laute qualifiziert und ästhetisch abgewertet1 - sind genauso wie Visuelles omnipräsente Merkmale unserer sinnlichen Umwelt. Seit Ende der 1980er-Jahre ist allgemein eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber akustischer Wahrnehmung festzustellen in Architektur, Ethnologie, Geschichts-, Kultur-, Literatur-, Medien-, Musik-, und Theaterwissenschaft, Neurowissenschaften, Philosophie, Physikalischer Akustik, Soziologie, Wissenschaftsgeschichte und auch Religionswissenschaft.2 Analog zur „visible religion“3 ist es an der Zeit, über das Programm einer auditive, acoustic, sonic religion nachzudenken, vielleicht einen „auditive turn“ in Gang zu bringen.4 Die Rede von turn bedeutet keine fundamentale, revolutionäre Umorientierung der Religionswissenschaft, sondern die Entwicklung einer auf Neuartiges gelenkten Aufmerksamkeit. Turn i st keine Wende der , sondern in der Religionswissenschaft. Ein neuer turn löst einen anderen, älteren nicht ab, sondern wird zum Element eines „Kräftefeldes (im Sinne Pierre Bourdieus), in dem viele Turns miteinander um Dominanz konkurrieren, kooperieren und sich durch diverse Strategien gegenseitiger Abgrenzung zu profilieren versuchen.“5 Neue Begriffe sind entstanden, die diese aktuelle Sicht auf das Auditive lenken: Sound Culture, Acoustemology, Klanganthropologie6 . Schall, Klang, Ton, Musik, Geräusche - ich benutzte ab jetzt den zusammenfasssenden Begriff des „Sonischen“7 - sind ständige Begleiter unserer sinnlichen Umwelt und ihrer Wahrnehmung. Sie charakterisieren auch die religiöse Wahrnehmung von Raum und Zeit. Die Religionswelt ist eine multisensuelle, insbesondere sonische Welt. Will man sich den Religionen mit-, zu- und hinhörend8 , lauschend, horchend nähern und sie als sonische Welten wahrnehmen, genügt es nicht, Klangphänomene religionswissenschaftlich wie bisher nur nebenherzuthematisieren. Festzustellen ist inzwischen ein besonderes Interesse an der sonischen Seite der großen Religionstraditionen9 , insbesondere Indiens10 , den Religionen des alten Nahen Ostens11 und der biblischen Religionen12 . Dabei spielt die Beziehung von Religion(en) und Musik eine wichtige Rolle13 , ausdrücklich in (inter-)religiösen Lernprozessen.14 2 Aufgaben 1. Ich vertrete eine Religionswissenschaft, die - von der „sinnlichen …
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