I - 31 Religion und Religionen als Thema historischer Forschung und Vermittlung1 [Religion and religions as a topic for historical research and teaching] Michael Klöcker
Zusammenfassung
Nach einleitenden wissenschaftshistorischen und -theoretischen Überlegungen widmet sich der Beitrag dem „gesteigerten Plural geschichtswissenschaftlicher Zugänge zu Religion und Religionen“, plädiert für ein weitgefasstes Begriffsverständnis von Religion als Orientierung und Religionen als spezifische Orientierungssysteme. Dabei verblassen die alten Grabenkämpfe (substanzialistisches vs. funktionales Religionsverständnis) und nach vorn „rückt die ‚konstruierende’ Tätigkeit der Forschenden mit ihren jeweiligen Akzentsetzungen.“ Der Autor exemplifiziert seinen Ansatz an den Beispielen Essen, Trinken, Hungern, Fasten sowie in Überlegungen zur Milieuforschung, insbesondere zum katholischen Milieu.
„Über die etablierten Kirchen hinaus entfaltet sich ein weitgespannter Markt alternativer Religionsangebote, der den Bastelcharakter religiöser Identitätsbildung unterstützt; er umfasst nicht nur eingewanderte Weltreligionen über Neureligionen bis hin zu ,Zivilreligion‘. Auch Massenmedien, Popkultur, Sport, Konsummarketing übernehmen die kulturellen Inhalte, Formen und Funktionen von Religion wie: Sinnstiftung, Kontingenzbewältigung, rituelle Gestaltung von Alltag, Freizeit, Festen, Lebenswenden. Werte und Normen vorspielende TV-Serien, religiöse Aussagen in Rock- und Popsongs belegen dies wie auch ökonomisch profitables ,Kultmarketing‘ (auffällig in der Tourismusbranche), das Tanzen in Jugendkulturen als ekstatische Entrückung“.
Schlagwörter: Neue Kulturgeschichte, Essen, Trinken, Hungern, Fasten, Tiere , Handlungsorientierung, historische Projektarbeit, qualitative Religionsforschung, Märkte, Milieus, Massenmedien, Popkultur, Sport, Konsummarketing, Sinnstiftung, Kontingenzbewältigung, rituelle Gestaltung von Alltag, Freizeit,
Submitted August 20, 2023, and accepted for publication September 10, 2023 Editor: Udo Tworuschka
Feste, Lebenswenden, Werte und Normen, Geschichtsbewusstsein, Wahrnehmungswissenschaft, Medienanalyse, Geschichtsdidaktik, „Kopf, Herz und Hand“
Summary
After introductory scientific-historical and theoretical considerations, the article is dedicated to the „increased plural historical approaches to religion and religions“, pleads for a broad understanding of the concept of religion as orientation and religions as specific orientation systems. In the process, the old trench warfare (substantial vs. functional understanding of religion) is fading and „the ,constructive‘ activity of the researchers with their respective emphases is moving to the fore“, especially to the Catholic milieu.
„Beyond the established churches, a wide-ranging market for alternative religious offerings is developing, which supports the bricolage character of religious identity formation; it includes not only immigrated world religions to new religions to ,civil religion‘. Mass media, pop culture, sports and consumer marketing also take on the cultural content, forms and functions of religion such as: creating meaning, dealing with contingencies, ritual shaping of everyday life, leisure time, festivals, turning points in life. TV series showing values and norms, religious statements in rock and pop songs prove this as well as economically profitable ,cult marketing‘ (notable in the tourism industry), dancing in youth cultures as ecstatic rapture“.
Keywords: New cultural history, eating, drinking, starvation, fasting, animals, action orientation, historical project work, qualitative religious research, markets, milieus, mass media, pop culture, sport, consumer marketing, creating meaning, coping with contingencies, ritual shaping of everyday life, leisure time, festivals, Turning points in life, values and norms, historical awareness, perception science, media analysis, history didactics, „head, heart and hand“
1 Inner- und interdisziplinäre Erweiterungen in jüngster Zeit
„Kirchen- und Religionsgeschichte“ wurde in einer 1969 u. ö. erschienenen Einführung in das Studium der Neueren Geschichte so vorgestellt: „Zu den Faktoren des geistigen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens, an denen der Historiker nicht vorübergehen kann, gehören die Religionen und Religionsgemeinschaften. Dabei müssen und dürfen wir uns hier auf die Behandlung des Christentums beschränken.“2 1974 folgte eine „Einführung in die neuere Geschichte“, in der zwischen Religions- und Kirchengeschichte so unterschieden wurde: Religionsgeschichte beinhalte „mehr eine Ideengeschichte“, Kirchengeschichte „eher die Geschichte einer Organisation“3 . Fragwürdige inhaltliche und begriffliche Beschränkungen wie diese, theoretische und methodische Defizite, einseitige theologische Prämissen: Diese Mängel der Religions- und Kirchengeschichte wurden in den 1970er-Jahren intensiviert beklagt, seit den 1970er-Jahren mit inner- und interdisziplinären Erweiterungen beantwortet: Die Forschungs- und Handlungsfelder werden dabei neu vermessen, tief ausgelotet. Eine Reihe von Historikern plädierte für eine Einordnung der …
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Der vollständige Artikel umfasst 14 Seiten
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