I - 30.8 Gemeindepädagogik und Intersektionalität [Congregational Pedagogy and Intersectionality] Felicitas Held
Zusammenfassung
Gemeindepädagogik verfolgt den Selbstauftrag, das Evangelium allen Menschen nahezubringen. In der Selbstanalyse wird deutlich, dass alle Menschen schwerlich erreicht werden können. Obwohl es dem Selbstverständnis entgegensteht, hat Gemeindepädagogik mit Ausschluss- und Diskriminierungsprozessen zu tun. Einerseits möchten gemeindepädagogische Arbeitsfelder diese in verschiedenen Kategorien aufdecken und für eine inklusive Gesellschaft und Gemeinde stehen. Hierzu orientiert sich der gemeindepädagogische Diskurs vorrangig an einzelnen Diskriminierungskategorien. Gemeindepädagogische Lösungsstrategie, um diesen Diskriminierungsprozessen entgegenzutreten, verbindet sich vorrangig mit dem Begriff der Inklusion. Andererseits sind intersektionale Perspektiven auf Heterogenitätsdimensionen und eine selbstkritische Reflexion von Macht- und Herrschaftsverhältnisse innerhalb des Arbeitsfeldes noch ausbaufähig.
Schlagwörter: Intersektionalität, Gemeindepädagogik, Inklusion, Inklusive Religionspädagogik der Vielfalt, Diskriminierung, Gemeinwesendiakonie
Summary
Congregational pedagogy pursues the self-mission of bringing the Gospel to all people. In the self-analysis it becomes clear that it is difficult to reach all people. Although it is contrary to the self-image, congregational pedagogy has to deal with processes of exclusion and discrimination. On the one hand, congregational pedagogy wants to expose these in different categories and stand for an inclusive society and community. For this purpose, congregational pedagogical discourse is primarily oriented towards individual categories of discrimination. The concept of inclusion is the main strategy of congregational pedagogy to counteract these processes of discrimination.
Submitted June 07, 2022, and accepted for publication December 12, 2022 Editor: Stefan van der Hoek
On the other hand, intersectional perspectives on heterogeneity dimensions and a self-critical reflection of power and dominance relations within the field of work, are still expandable.
Keywords: Intersectionality, congregational pedagogy, inclusion, inclusive religious pedagogy of diversity, discrimination, community diakonia
1 Einleitung
„Für zukünftige und zukunftsweisende Gemeindepädagogik gibt es keine Alternative, als sich den Aufgaben der Inklusion mit großem Engagement zu widmen.“1 Elisabeth Naurath zeigt für die Gemeindepädagogik den unbedingten Auftrag an, sich der Herausforderung der Inklusion zu stellen. In gemeindepädagogischer Perspektive definiert Keßler den Begriff der Inklusion als „gleichberechtigte Teilhabe aller“2 , wobei hier das Ziel gemeindepädagogischer Arbeit deutlich wird: die aktive Teilnahme an gemeindepädagogischen bzw. kirchlichen Angeboten.
Intersektionalität bietet einen Ansatz, um Ausschließungsprozesse und Benachteiligungen in ihren Zusammenhängen zueinander wahrzunehmen und kritisch zu hinterfragen. „Die intersektionale Sicht auf soziale Wirklichkeit überwindet also die isolierte Behandlung einzel ner Kategorien von Differenz (…) und [stellt] sie explizit in den Kontext gesell schaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse (…), durch die soziale Ungleichheiten (re)pro du ziert werden“3 . In diesem Artikel wird vorgestellt, warum und in welcher Weise sich Gemeindepädagogik mit Ausschließungsprozessen auseinandersetzt und welche Ansätze sie in intersektionaler Perspektive aufweist.
2 Gemeindepädagogik
Auf konzeptioneller Ebene lässt sich der gemeindepädagogische Auftrag mit dem Begriff Kommunikation des Evangeliums beschreiben. In dimensionaler Sichtweise differenziert sich dieser in fünf verschiedene Grundmodi oder -dimensionen aus: Gott feiern und begegnen (Leiturgia), Glauben kommuni- zieren, verstehen und bezeugen (Martyria), Gemeinschaft pflegen und ent wickeln (Koinonia), Identität und Begabung entwickeln (Paideia) und Helfen und Heilen (Diakonia).4 Mit dieser dimensionalen Sichtweise ist der Blick für
das vielfältige Aufgabenspek trum der Gemeindepädagogik geweitet. Diese Vielfältigkeit betrifft Aufgabenfelder, Zielgruppen, Handlungsfelder und Orte. Zielgruppe können Menschen jeglichen Alters und jeglicher Lebenssituation sein. Gemeindepädagogische Arbeit geschieht auf unterschiedlichen Ebenen: auf örtlicher Ebene (mit Zielgruppen in Kirchengemeinden und Einrichtungen), mittlerer Ebene (mit Multiplikatoren in Dekanaten, Kirchenkreisen) und auf Landesebene (themen- und aufgabenspezifische Arbeitsstellen der Landeskirchen).5
Als wissenschaftliche Fachdisziplin lässt sich Gemeindepädagogik als Praxistheorie bezeichnen, da Theorie und Praxis in einem engen Verhältnis wechselseitig …
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 18 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 18 Seiten