I - 30.5 Quellen im Kreuz(ungs)feuer, Kirchengeschichte am Scheideweg - Intersektionalität und Kirchengeschichte [Sources in the Crossfire, Church History at an Intersection - Intersectionality and Church History] Benedikt Bauer
Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag befasst sich mit der Kombination von „Intersektionalität“ und Kirchengeschichte. Mangels eingehender intersektionaler Untersuchungen in der kirchenhistorischen Forschung eruiert der Beitrag methodologische Herangehensweisen, epistemische Prämissen und produktive Ansätze einer Integration intersektionaler Theorien in die Kirchengeschichte. Hierbei wird zudem für eine Erweiterung durch Elemente der Queer Theory votiert. Abschließend präsentiert der Beitrag erste Überlegungen zur Implementierung intersektionaler Perspektiven in die Reformationsgeschichte und gibt ein beispielhaftes Spektrum an kirchenhistorischen Themen zur intersektionalen Bearbeitung.
Schlagwörter: Intersektionalität, Queer Theory, Reformationsgeschichte, Kirchengeschichte, Religionsgeschichte
Summary
This article deals with the combination of “intersectionality” and church history. In the absence of detailed in-depth research on intersectionality in church history, the article explores methodological approaches, epistemic premises, and productive strategies for integrating intersectional theories into church history. It also argues for an expansion through elements of queer theory. Finally, the article presents preliminary considerations on the implementation of intersectional perspectives into Reformation history and
Submitted June 08, 2022, and accepted for publication December 13, 2022 Editor: Stefan van der Hoek
gives an exemplary spectrum of church-historical topics for intersectional research.
Keywords: Intersectionality, queer theory, Reformation history, church history, history of religion
UnĂĽberwindbare Diskrepanzen? Eine HinfĂĽhrung
Die Gender -Theorien - insbesondere die radikalster Form - zeigen einen fortschreitenden Prozess der De-Naturalisierung oder der Entfernung von der Natur hin zu einer totalen Option für die Entscheidung des emotionalen Subjekts. Mit dieser Haltung werden sexuelle Identität und Familie Dimensionen der postmodernen „Verflüssigung“ und „Fluidität“: gegründet allein auf eine falsch verstandene Freiheit des Fühlens und des Wollens statt auf die Wahrheit des Seins; auf das momentane Verlangen des emotionalen Impulses und auf den individuellen Willen.1
Willkür, Radikalität, „Widernatürlichkeit“, individualistische Befindlichkeitsideologie im Gewand einer Theorie, Zeitgeistigkeit und postmoderne Erosion - das römisch-katholische Kongregationsdokument aus dem Jahre 2019 bedient wohl die meisten der klassischen Topoi, die gegen Genderforschung ins Feld geführt wurden und werden. Objektivität, Kontextualisierung, „quellenkundliche Akkuratesse“, wissenschaftliche Integrität und historische Faktizität - mit solchen oder ähnlichen Begrifflichkeiten könnte wohl die religions- und kirchenhistorische Forschung belegt werden. Doch wie können solche sich diametral gegenüberstehenden Pole zusammengedacht werden? Und damit nicht genug. Die Kirchengeschichte soll mit Intersektionalität - möglicherweise eine der radikaleren Formen „dieser“ Gender-Theorien - zusammengedacht werden? G*tt bewahre! Inwiefern „Intersektionalität“ und Kirchengeschichte eine fruchtbare Kombination ergeben können, ja, dass sogar grundlegende Überschneidungen auf der methodologischen Ebene bestehen und welche - möglicherweise auch subversiven - Potenziale das Forschungsdesiderat einer bewusst intersektionalen Kirchengeschichte birgt, möchte der vorliegende Beitrag eruieren.
1 Intersektionen und Interdependenzen - das Konzept der Intersektionalität
Intersektionalität als Konzept ist nicht mehr neu. Und dennoch hat es sich bisher weder in der religionswissenschaftlichen noch der religionsinteressierten, geschweige denn der kirchenhistorischen Forschung breitenwirksam etablieren können.2 Von einem fachdisziplinär breiten Konsens über intersektionale Forschungsansätze kann somit nicht gesprochen werden - ebenso wie es wohl für Konzepte und Konzeptionen wie beispielsweise „Gender“ noch immer gilt. Das Konzept der Intersektionalität lässt sich auf die Überlegungen der Juristin Kimberlé Crenshaw zurückführen, die verschiedene Überschneidungspunkte von Diskriminierungslinien beschreibt.3 Hierzu bemühte sie das Bild der Kreuzung (intersection) , um zu verdeutlichen, dass Menschen nicht nur einfache Diskriminierungen bzw. Benachteiligungen erfahren können, indem sie zum Beispiel der Kategorie „Frau“ angehören, sondern zugleich weitere Benachteiligungskategorien, wie „race“ oder „class“ hinzutreten können. Crenshaw entwickelte ihren zunächst juristischen Analyseansatz zu Intersektionen am Beispiel Schwarzer4 Frauen sowie deren mehrfacher Diskriminierung durch das Rechtssystem und wird somit der Erkenntnis gerecht, dass Diskriminierungen nicht nur auf der Ebene der Kategorie Geschlecht wirksam werden. Denn „Gender ist [zwar] eine wichtige kulturelle Differenzkategorie, aber sie steht nicht alleine im luftleeren Raum, sondern ist, was sich vor allem bezüglich Diskriminierungs- und Ausgrenzungspraktiken zeigt, verknüpft mit anderen Kategorien“5 .
In der Forschung ist die Anzahl der Differenzkategorien seit Einführung des …
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Der vollständige Artikel umfasst 16 Seiten
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