Reinbold, Das Haus der Religionen in Hannover

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Das Haus der Religionen in Hannover Von Wolfgang Reinbold Der Ausgangspunkt: Die multireligiöse Stadt Die gesellschaftliche Realität in deutschen Großstädten wird in wenigen Jahren in allen Bereichen und Altersgruppen multikulturell und multireligiös sein. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Stadtgesellschaften, sich beizeiten und in angemessener Weise auf diese Entwicklung einzustellen. Die statistischen Zahlen sind bekannt: Heutzutage hat etwa jedes dritte Kind unter fünf Jahren einen „Migrationshintergrund“, das heißt, das Kind selbst oder eins seiner Elternteile wurde im Ausland geboren. In den kommenden Jahren wird der Anteil der Kinder aus Migrantenfamilien weiter steigen. Bereits heute stammt vielerorts jedes zweite Neugeborene aus einer Migrantenfamilie. In nicht wenigen Stadtteilen sind die Kinder aus autochthonen deutschen Familien in der Minderheit. Blickt man zwanzig Jahre in die Zukunft, werden wir in Städten leben, in denen 40-50 % der Bewohner einen Migrationshintergrund haben. In einer normalen deutschen Großstadt werden Menschen aus mehr als 100 Herkunftsländern zusammenleben. Entsprechend vielfältig werden die kulturellen und die religiösen Milieus sein. In manchen Städten lässt sich diese prognostizierte Entwicklung schon heute beobachten. Eine dieser Städte ist Hannover. In Hannover leben im Jahr 2015 Menschen aus mehr als 170 Nationen zusammen. Alle großen Weltreligionen haben Gebetshäuser in der Stadt. Neben den alteingesessenen etwa 150 Kirchen und Kapellen gibt es mittlerweile mehr als 20 Moscheen, zwei alevitische Zentren, drei Synagogen, zwei Hindutempel sowie sechs buddhistische Zentren, darunter eine Pagode samt dem größten buddhistischen Kloster Deutschlands. Hinzu kommen kleinere Religionsgemeinschaften, unter ihnen Bahai, Jesiden und Sikhs. Hannover, einst eine durch und durch evangelisch-lutherische Stadt, in deren Altstadt nicht einmal Reformierte, römische Katholiken und Juden Gebetshäuser besaßen, hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert. Sie ist eine multireligiöse Stadt geworden. Zugleich ist Hannover, wie viele andere deutsche Städte auch, eine Stadt, in der eine Tendenz zur Segregation zu beobachten ist: Unterschiedliche Milieus neigen dazu, sich in immer unterschiedlichere Stadtteile zurückzuziehen. Die Wohlhabenden hier, die jungen Familien da, die Migranten dort. Auf diese Weise entstehen gesellschaftliche Sonderwelten, „Parallelgesellschaften“, um mit dem Schlagwort unserer Tage zu sprechen. Unkenntnis über das Leben der Anderen ist an der Tagesordnung, auch zwischen den Religionen. Die Christen wissen fast nichts über die Muslime (oder sie meinen, Vieles über sie zu wissen, aber das Wenigste davon trifft zu). Die Muslime wissen fast nichts über die Christen (oder sie meinen, Vieles über sie zu wissen, aber das Wenigste davon trifft zu). Über die Juden und all die anderen Gemeinschaften, die in der Stadt ihre Religion praktizieren, wissen die Einen wie die Anderen kaum etwas. Die Frage, wie eine solche Stadt in den kommenden Jahrzehnten zusammengehalten werden kann, beschäftigt die Urbanistik seit vielen Jahren. Die Initiatoren des Hauses der Religionen sind der Überzeugung: Neben vielem anderen braucht eine solche Stadt einen Ort, an dem der interreligiöse Dialog geführt wird, und zwar beständig, in institutionalisierter Form und als Hauptaufgabe. Sie braucht einen Ort, an dem sich Menschen aus unterschiedlichen Religionsgemeinschaften kennenlernen und etwas über die Religion des Anderen erfahren können. Sie braucht ein interreligiöses Kompetenzzentrum. In Hannover nennen wir es: Haus der Religionen. Die Geschichte des Hauses der Religionen Seit dem Evangelischen Kirchentag im Mai 2005 hat das Haus der Religionen in Hannover seinen Ort in der Böhmerstraße 8 in Hannovers Südstadt. Die Vorgeschichte des Hauses reicht zurück bis in den Sommer 1990. Zur Erinnerung: Saddam Hussein war im August 1990 in Kuwait einmarschiert, die alliierten Truppen hatten am 17. Januar 1991 den Luftkrieg gegen den Irak begonnen. Am 18. Januar feuerte der Irak erstmals Raketen auf Israel, verbunden mit der Drohung, Giftgas einzusetzen. In Tel Aviv ging man mit der Gasmaske ins Bett. In dieser politisch und interreligiös äußerst angespannten Lage gründete eine Gruppe engagierter Frauen und Männer in Hannover einen informellen interreligiösen Diskussions- und Gebetskreis. Nach dem Mordanschlag von Solingen im Mai 1993 verstetigte sich dieser Kreis, gewann neue Mitglieder hinzu …
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