Keltische Kultorte in Deutschland
Von Janine Fries-Knoblach
Erkennbarkeit prähistorischer Kultorte
In (Hoch-)Kulturen mit schriftlicher Überlieferung und Steinbauweise sind Heiligtümer meist problemlos auszumachen und tiefe Einblicke in die dinglichen Reste und die zugehörige Geisteswelt möglich. Hingegen stellt für prähistorische Zeiten schon das Erkennen von Kultplätzen ein Problem dar. Über die ideellen Vorstellungen lässt sich wegen fehlender Textquellen nur mittels Analogieschlüssen aus Völkerkunde, Europäischer Ethnologie (Volkskunde) und Historie mutmaßen. Es muss daher nicht verwundern, dass sehr verschiedene Kriterien und Einteilungen für vor- und frühgeschichtliche Kultstätten existieren. Bis heute greifen viele Archäologen für Kultfragen auf den Religionswissenschaftler Carsten Colpe (1929-2009) zurück, der 1970 drei Merkmale für einen „religiösen Raum“ herausstellte: Dies waren erstens die Anlage nach einem traditionellen Kanon als Ausdruck des heilen Urzustandes der Welt, zweitens Hinweise auf Ritualisierung und drittens Opferfunde als zusätzliches Korrektiv. Ritualisierung sei erkennbar an wiederholter Benutzung wegen der Weihung des Ortes durch die Offenbarung des „Heiligen“, am Finden der Stätte unabhängig von Bezugssystemen (Siedlungen, Wegen) oder ungewöhnlicher Lage, zum Beispiel Zentrum, Achse, Rand oder Unzugänglichkeit. Opferfunde zeichneten sich aus durch ritualisierte Niederlegung von Dingen oder Lebewesen, erkennbar an Wiederholung, Auswahl (nach Wert, Seltenheit, Spezies, Alter, Geschlecht, Körperteil etc.) oder Art der Durchführung (unerreichbar, Kombination, Unbrauchbarmachung, Todesart, Manipulation, Anordnung etc.).1
Der französische Archäologe Jean-Louis Brunaux formulierte 1989 eine andere Hierarchie der Kriterien für Kultplätze, von denen er nur das letzte für zwingend hielt. Dies waren erstens die Markierung eines Areals, zum Beispiel mit Eckpfosten, Zaun, Wall, Graben, zweitens Eintiefungen , die mit chthonischen (der Erde angehörenden, unterirdischen) Gottheiten zusammenhängen, drittens Konstruktionen wie Altar, Schutzdach oder Tempel, viertens besondere Ausrichtung , zum Beispiel auf Geländemarken oder astronomische Phänomene, sowie fünftens Reste von Opfern und sonstigen Kulthandlungen . Der deutsche Keltenforscher Alfred Haffner unterschied 1995 zwischen Kultplätzen als Stellen, an denen der vor- und frühgeschichtliche Mensch die Anwesenheit des Göttlichen, das Numinose, zu erfahren glaubte und durch Opfergaben zu beeinflussen suchte, und Heiligtümern als architektonisch gestaltete Kultstätten
mit Einfriedung und Kultgebäude. Zum Darbringen eines Opfers gehört dessen unwiederbringliche Überantwortung an die Gottheit, in der Regel über eines der vier Elemente durch Vergraben (Erde), Versenken (Wasser), Verbrennen (Feuer) oder Ausstellen (Luft). Um die Rücknahme unmöglich zu machen und die Gottheit zur Annahme der Gabe und damit nach der do-ut-des-Formel zu einer Gegengabe zu verpflichten, wurden haltbare Objekte durch Verformen oder Zerstören absichtlich und wohl rituell unbrauchbar gemacht.2
Typen keltischer Kultplätze
Um keltische Kultplätze zu betrachten, muss man sich zunächst über den Begriff „keltisch“ einigen. Gemeint ist hier die Eisenzeit mit der sogenannten Hallstatt- und Latènekultur, genauer gesagt: die Stufen Hallstatt C-D (ca. 800- 480 / 50 v. Chr.) und Latène A-D (ca. 480 / 50-20 / 15 v. Chr.). Hinsichtlich der „Kultplätze“ werden vor allem Orte und Bauwerke behandelt, deren Zweck ganz in der Interaktion des Menschen mit dem Göttlichen bestand. Hinweise auf alltägliche Kulthandlungen an Gräbern und in Siedlungen, etwa Totenmahl, Trankspende, Ahnenverehrung, Bauopfer oder Schädelkult, werden nicht weiter verfolgt. Obwohl an keltischen Kultorten oft keine Götterbilder (mehr) nachweisbar sind, ist mit ihnen durchaus zu rechnen, wie Beispiele aus Holz, Stein und Metall zeigen. Im eisenzeitlichen Europa gibt es großartige Befunde von Kultplätzen. Generell handelt es sich um besondere Naturorte mit Bezug zur Höhe (Felsen, Berge, Pässe), Tiefe (Höhlen, Gewässer) oder künstlich aus dem Naturraum ausgegrenzte Bereiche (Graben-, Palisaden-, Wallanlagen) mit auffälligen Funden, die Reste von Kulthandlungen oder Opfergaben darstellen. Bisweilen waren Holz- oder Steingebäude vorhanden. Höhenplätze werden mit der Verehrung himmlischer Tiefen mit chthonischen Gottheiten in Verbindung gebracht. Bei Gewässern kommen neben der Tiefe auch die Aspekte des lebensspendenden Wassers und seiner gefahrvollen Überquerung oder Befahrung hinzu. Literarisch sind auch Kultplätze in Form heiliger Haine bezeugt.3
Keltische Kultorte in Deutschland
In Relation zur Gesamtheit keltischer Kultplätze sind deutsche Befunde eher rar und unspektakulär. Dies erklärt sich damit, dass erstens nur das Gebiet bis zu den Mittelgebirgen zur Hallstatt- und Laténekultur gehörte, zweitens die Alpen eine Barriere gegen Einflüsse aus den Hochkulturen des Mittelmeerraumes darstellten und drittens die Besiedlung Süddeutschlands bereits Jahrzehnte vor
der römischen Eroberung einen tiefen Einbruch erlitt. Trotzdem lassen sich gewisse Parallelen zu reicheren Befunden im Ausland feststellen.
_Kultstätten ohne Gebäude_
Für die Gattung der Heiligtümer auf …
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Der vollständige Artikel umfasst 14 Seiten
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