Regionale Konturen des katholischen Wallfahrtwesens: Das Bistum Aachen
Von Dieter P.J. Wynands
Einleitung: historisch-geografische Voraussetzung
Die Wallfahrt, die Reise zu einer bestimmten Kultstätte mit einem besonders dort verehrten Kultobjekt, ist ein menschliches, keineswegs nur auf das Christentum beschränktes Phänomen. Sie ist Ausdruck einer tief empfundenen Religiosität, die sich mit reiner Innerlichkeit und Geistigkeit nicht abfindet, sondern zum sinnlichen Ausdruck drängt. Viele Menschen wissen darum, dass sie auf dem Weg durch Zeit und Raum sind. Ausgehend von der sinnlich-geistigen Natur des Menschen und vom sinnbildhaften Verständnis der Reise wird sogar von einer „viatorischen“ Existenz des Menschen, von einem Wanderer zwischen beiden Welten, gesprochen, der einen Heilsweg beschreitet und sich als Glied des wandernden Gottesvolkes versteht.
Aus der Überzeugung heraus, dass Gott an bestimmten Orten besonders geneigt ist, die Bitten der vertrauensvoll Flehenden selbst oder durch die Mittlerschaft der Heiligen zu erhören, suchten Christen als Ausdruck ihrer Frömmigkeit diese meist durch Reliquien und Gnadenbilder ausgezeichneten und oft durch Ablässe privilegierten Gnadenstätten auf, die auch durch das Gebet gläubiger Menschen verehrungswürdig waren. Die Anfänge dazu reichen bis in die Spätantike zurück, im Mittelalter bildet sich die Fernwallfahrt mit den Zielen Jerusalem, Rom, Santiago de Compostela und auch Aachen heraus, während in der Frühen Neuzeit gerne regionale Orte aufgesucht werden. Nicht zuletzt aufgrund neuer Verkehrsmöglichkeiten lebt seit dem 19. Jahrhundert, erweitert um Ziele wie Lourdes, Fatima, Guadelupe und Medjugorje, die Form der Fernwallfahrt wieder auf. Insgesamt lässt sich ein Rückgang der Heiligenwallfahrt zugunsten einer Konzentration auf den Marienkult feststellen sowie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Folge gewandelter Lebensverhältnisse eine Abnahme des gesamten Wallfahrtswesens. Jedoch deutet sich seit der Jahrhundertwende nach Rückgang und Stagnation ein verhaltener Aufschwung an. Während die Reformatoren und später auch die Protagonisten der katholischen Aufklärung die Wallfahrt als Ausdruck von Aberglauben und Müßiggang verwarfen, förderte das Trienter Reformkonzil (1545-1563) diese Form der Volksfrömmigkeit. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) spricht in seiner Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium sogar vom pilgernden Gottesvolk. In diesem Zu-
sammenhang rief der Aachener Bischof Klaus Hemmerle seine Diözesanen zur Weggemeinschaft auf. Doch bleiben auch innerhalb der Kirche Bedenken bestehen, ist doch die Wallfahrtskritik so alt wie die christliche Wallfahrt. Der aus dem Gebiet des Bistums Aachen stammende Thomas von Kempen formulierte bereits im ausgehenden Mittelalter sogar: „ Die viel wallfahren, gelangen selten zu Heiligkeit “.
Das im Land zwischen Rhein und Maas gelegene Gebiet des erst 1930 wieder gegründeten Bistums Aachen ist etwa 120 Kilometer lang und maximal 35 Kilometer breit. Es erstreckt sich zwischen Kempen-Tönisvorst im Norden und Blankenheim im Süden. Seine Westgrenze entspricht der deutsch-niederländischen und der deutsch-belgischen Staatsgrenze. Im Nordosten berührt es bei Krefeld den Rhein und stößt an das Ruhrgebiet an. Seine östliche Grenze folgt in etwa der Linie Krefeld, Meerbusch, Korschenbroich, Jüchen, Titz, Niederzier, Nörvenich, Vettweiß, Nideggen, Mechernich, Blankenheim-Ahrdorf. Das Bistumsgebiet hat Anteil an zwei großen Naturräumen: Im Süden erstreckt sich als westlicher Teil des Rheinischen Schiefergebirges die Eifel, befindet sich an dem zwischen Udenbreth und Losheim gelegenen 689 Meter hohen „Weißen Stein“ der höchste Punkt der Diözese. Im Norden liegen zwischen Niederrhein und Niedermaas bis zu 30 Meter hohe Teile des Niederrheinischen Tieflandes. Dieses geht nach Süden über in die Jülicher Börde, die einen Übergangsraum zum Bergland der Eifel bildet. Im äußersten Westen hat das Bistumsgebiet im Aachener Raum Anteil am Limburg-Aachener-Hügelland. Die Rur mit den bedeutenden Städten Düren und Jülich kann als Achse des Bistums bezeichnet werden. Dieser überwiegend nordwärts zur Maas hin fließende Fluss ist die wichtigste Entwässerungsader für die Mitte und den Süden der Diözese. Im äußersten Südwesten fließt die Kill moselwärts, während die Ahr ostwärts dem Rhein zustrebt. Die nördlichen Gebiete entwässern sich zum Rhein oder zur Maas hin. Das Bergland hat den größten Waldanteil. In der Bördenzone stehen Bodenschätze an. Im Gegensatz zum Steinkohlebergbau wird der Abbau von Braunkohle noch weiter im großen Stil betrieben. Die Förderung von Erzen in der Eifel kam größtenteils schon im 19. Jahrhundert zum Erliegen, als sich die Industrialisierung immer mehr durchsetzte.
Im Westen grenzt das Bistum Aachen an das belgische Bistum Lüttich und an das niederländische Bistum Roermond, im Norden und Süden stößt es an die Bistümer Essen und Trier, während im Osten das Erzbistum Köln liegt, zu dessen Kirchenprovinzen Aachen gehört. Köln und Tongern-MaastrichtLüttich sind die ältesten Bistumssitze im Land zwischen Rhein und Maas. Ihre Anfänge liegen in römischer Zeit. Eine größere …
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Der vollständige Artikel umfasst 15 Seiten
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