Scholten, Der Mars-Camulus-Stein

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Der Mars-Camulus-Stein Von Helga Scholten Ein Beispiel für die (gebrochene) Kontinuität heiliger Orte und ihrer Kultgegenstände trotz tief greifender politischer, gesellschaftlicher und religiöser Wandlungsprozesse ist der Mars-Camulus-Stein in Kleve-Rindern (Niederrhein). Die Geschichte dieses Altarsteins aus römisch-keltischer Zeit lässt sich in wesentlichen Etappen über die Frühzeit der Christianisierung in fränkischer Zeit und das ausgehende Mittelalter bis in die Gegenwart nachverfolgen. Heute steht der Mars-Camulus-Stein als Altar in der katholischen St. Willibrord-Kirche in Rindern. Die Inschrift auf seiner Vorderseite weist ihn als einen Weihestein aus der Zeit des römischen Kaisers Nero (54-68 n. Chr.) aus. Bürger aus Reims, cives Remi , die sich wahrscheinlich in der vorcoloniazeitlichen Siedlung bei Xanten aufhielten, hatten ihrem keltischen Hauptgott Camulus diesen Altarstein zum Heil des Kaisers Nero geweiht.1 In seiner ursprünglichen Gestalt stellt der Stein ein eindrucksvolles Zeugnis der spezifischen Ausprägung religiöser Verhältnisse in der römischen Provinz dar. Religionsgeschichtlicher Kontext Die römische Okkupation wirkte sich nicht nur auf die politische Landkarte oder die wirtschaftlichen Verhältnisse der Region aus, sondern auch auf das religiöse Leben der Menschen. Neben keltische oder germanische Gottheiten traten nun Göttergestalten des griechisch-römischen Pantheons. Vermutlich erfolgte mehr als eine interpretatio Romana im Sinne einer einfachen Gleichsetzung von einheimischen und römischen Gottheiten, wobei diese nun einen keltisch- / germanisch-römischen Doppelnamen erhielten. Im Zuge der „Romanisierung“ im religiösen Bereich ist jedoch nicht von einer einfachen linearen Übernahme römischer Vorstellungen auszugehen, sondern vielmehr von einer Verschmelzung mitgebrachter heimischer Gottesvorstellungen und inzwischen verinnerlichter römischer Traditionen zu etwas Neuem.2 „Romanisierung“ meint zunächst lediglich den Prozess, der durch das Aufeinandertreffen der römischen mit der indigenen Kultur in Gang gesetzt wurde und nahezu das gesamte Leben der indigenen Bevölkerung einer römischen Provinz erfasste. Als Kristallisationspunkte oder Kernzentren fungierten Militärstandorte sowie städtische Siedlungen allgemein, deren Einfluss sich auf die Lebensgewohnheiten und Religion im Umland auswirkte. Die römischen Truppen brachten die Inschriftenkultur und den Ritus des Votums mit.3 Die Götter und Göttinnen der römischen Staatsreligion fanden in den Provinzen des Reiches mit großer Selbstverständlichkeit ihre Verehrung, ohne dass dies mit äußerem Druck hätte durchgesetzt werden müssen. Mit zunehmender Vermischung von Soldaten und Zivilisten, mit zunehmender Urbanisierung und Romanisierung der provinzialisierten Gebiete durchdrangen auch die römischen Kulte das provinziale Leben. Die Reibungslosigkeit, mit der die Provinzialen dies geschehen ließen, erklärt sich aus der polytheistischen Disposition antiker Menschen, die neue Götter als eine Bereicherung ihres religiösen Lebens empfanden. Förderlich war zudem, dass niemand die Bewohner des römischen Rheinlands zwang, mit der Übernahme römischer Götter die überlieferten, einheimischen Religionsvorstellungen aufzugeben. Ihr Fortleben in römischer Zeit ist Ausdruck einer weithin geübten religiösen Toleranz, die wiederum nicht als solche bewusst und etwa Ausdruck weitherziger Gesinnung war, sondern gleichsam den natürlichen Zustand in einer Vorstellungswelt mit vielen Göttern und Kulten darstellte. Ein Zeugnis dieses Vorgangs ist der Weihestein, den eine Gruppe von Remern, die im Cugernergebiet vermutlich ihren Geschäften nachgingen, ihrem Hauptgott Camulus dedizierten.4 Das Gebiet der Cugerner gehörte zur römischen Provinz Germania inferior. Ohne Schwierigkeiten konnte der römische Kriegsgott Mars mit dem keltischen Kriegsgott, den die gallische Civitas der Remer unter dem Namen Camulus verehrte, zu Mars-Camulus verschmolzen werden. Der Doppelname dokumentiert die interpretatio Romana . Auch die Formen der Verehrung wurden im Laufe der Zeit römisch, was künstlerisch gestaltete Denkmäler mit lateinischen Weihinschriften dokumentieren. Die Weihung von Altären als Votive wurde zweifellos von den Römern übernommen.5 Beschreibung des Mars-Camulus-Steins Der 1,01 m hohe, 0,815 m breite und 0,697 m tiefe, rechteckige Stein weist auf der Vorderseite eine achtzeilige Inschrift auf. Sie entspricht dem Typus einer für die frühe Kaiserzeit üblichen Monumentalschrift, der capitalis quadrata , die sich durch eine waagerechte Linienführung, identische Höhe und geometrische Form der Buchstaben auszeichnet. Der Text lautet: Marti Camulo | sacrum pro| salute [[Neronis]] | Claudi Caesaris | Aug(usti) Germanici imp(eratoris) | [c]ives Remi, qui | [t]emplum constitu | erunt. „Dem Mars Camulus geweiht für das Wohl des (Kaisers) Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus (von) den Remern, die (auch) den Tempel versprochen haben.“6 Der Name des Kaisers Nero …
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