## **I - 19.5 Krankenpflege als christlicher „Liebesdienst“ - Arbeits- und Lebensalltag
Diakonissen, 1945-1980** VON SUSANNE KREUTZER
Eine „gute“ Schwester - so lautete Anfang der 1950er-Jahre die selbstverständliche Annahme - verstand ihre Tätigkeit nicht als Beruf, sondern als Berufung; nicht als Arbeit, sondern als Dienst. Noch dominierten die großen MutterhausSchwesternschaften der Caritas, Inneren Mission und des Deutschen Roten Kreuzes das Berufsfeld „Krankenpflege“ in Westdeutschland. Mit dem Eintritt in die Schwesternschaft verpflichteten sich die Frauen, ihr Leben ganz in den Dienst der Schwesterngemeinschaft und der Arbeit am kranken und bedürftigen Menschen zu stellen. Dafür erhielten sie eine Ausbildung und eine zugesicherte lebenslange Versorgung. Außerdem genossen die Frauen gesellschaftlich einen sehr hohen Respekt. Eine Schwester galt als etwas Besonderes. Ihr sollte mit „Achtung, Ehre und Dank“1 begegnet werden.
Dieses Pflegeverständnis geriet ab der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre massiv unter Druck. Mit den Fortschritten in der Medizin änderten sich die Anforderungen an das Pflegepersonal grundlegend. Gefordert war immer weniger eine „Berufung zur Nächstenliebe“2 als vielmehr eine theoretisch fundierte Ausbildung. Auch das tradierte Arbeitsethos entsprach immer weniger den Lebensentwürfen der neuen Frauengeneration. In den 1960er-Jahren wurde der ehemals zölibatäre christliche „Liebesdienst“ am Kranken zu einem arbeitsrechtlich regulierten und an professionellen Standards ausgerichteten Frauenberuf umgestaltet, den auch verheiratete Frauen in Teilzeitarbeit ausüben konnten. Vorreiter dieser Entwicklung waren die öffentlichen Krankenanstalten, die unter dem Druck eines gravierenden Pflegenotstands ab Mitte der 1950er-Jahre zu Reformen bereit waren.
Die konfessionellen Schwesternschaften taten sich mit dieser Entwicklung schwer; denn das überlieferte Konzept christlicher Krankenpflege als unmittelbarer „Liebesdienst“ am Nächsten ließ sich kaum mit den neuen Vorstellungen geregelter Arbeitszeit und zweckrational-professionell organisierter, auf dem effizienten Einsatz von Zeit, Arbeitskräften und Geld beruhender Krankenversorgung vereinbaren. Die Geschichte christlicher Krankenpflege ist deshalb besonders geeignet, die Ambivalenzen und die Konfliktbeladenheit des Modernisierungsprozesses aufzuzeigen, die das Berufsfeld bis heute prägen.
Die folgende Darstellung untersucht am Beispiel des Diakonissenmutterhauses der Henriettenstiftung in Hannover die Konzeption und Transformation evangelischen „Liebesdienstes“ im Zeitraum von 1945 bis 1980.3 In einem ersten Schritt wird das Diakonissenmutterhaus der Henriettenstiftung als Glaubens-, Dienst- und Lebensgemeinschaft evangelischer Frauen vorgestellt, um dann genauer auf das Krankheits- und Pflegeverständnis der Diakonissen und dessen Umsetzung in die soziale Praxis einzugehen. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf den Umgang mit schwer kranken und sterbenden Patienten gelegt. Anschließend werden die Umbrüche im Krankheits- und Pflegeverständnis der 1960er-Jahre beleuchtet, die tief greifende Folgen für die persönliche Betreuung von Patienten hatten. Die Kostenseite dieses Modernisierungsprozesses rückte in den 1970er-Jahren unter dem Stichwort „Humanisierung der Krankenversorgung“ auf die gesundheitspolitische Tagesordnung - diese Diskussion wird abschließend analysiert. In einem Resümee werden die Ergebnisse der Studie im Lichte ihrer Gegenwartsbedeutung diskutiert.
Der Beitrag stützt sich sowohl auf zeitgenössische Publikationen und Zeitschriften des Gesundheitswesens, als auch auf lebensgeschichtliche Interviews mit Diakonissen der Henriettenstiftung. Darüber hinaus wurde das umfangreiche Archiv der Stiftung ausgewertet. Überliefert sind die Personalakten der etwa 900 Schwestern, die nach 1945 dem Mutterhaus angehörten. Diese Personalakten sind oft sehr umfangreich und enthalten ausführliche Briefwechsel der Schwestern mit der Mutterhausleitung (vor allem der Oberin und dem Theologischen Vorsteher), die tiefe Einblicke in den Alltag und das Selbstverständnis der Schwestern eröffnen. Erhalten sind außerdem die Akten aller Krankenhäuser und Gemeindestationen, in denen die Diakonissen tätig waren, mit Informationen über die gesamte Organisation der Einrichtungen. Diese Archivalien ermöglichen auch die Bedingungen, unter denen die Frauen tätig waren, sehr genau zu rekonstruieren.
Glaubens-, Dienst- und Lebensgemeinschaft evangelischer Frauen
Die Henriettenstiftung wurde 1859/60 in Hannover gegründet und entstand - wie eine Vielzahl anderer Diakonissenanstalten - im Kontext der sogenannten Erweckungsbewegung, die auf eine Erneuerung des religiösen Lebens zielte und das persönliche Glaubenserlebnis - die Erweckung - in den Mittelpunkt ihres religiösen Verständnisses stellte. Indem die Mutterhäuser den persönlichen Glauben im Verhältnis zur universitären Ausbildung aufwerteten, eröffneten sie Frauen ganz neue …
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Der vollständige Artikel umfasst 22 Seiten
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