Spiritual Care im Gesundheitswesen
Von Margit Gratz, Eckhard Frick und Traugott Roser
In einer Zeit, in der sich die Verbundenheit zur christlichen Kirche oder einer anderen Religionsgemeinschaft verändert, aber Fragen nach dem Sinn von Krankheit und Leid nicht minder vorhanden sind, muss neu überlegt werden, wie Menschen begleitet werden können, die z. B. krankheitsbedingt mit existenziellen Fragen konfrontiert sind. Der folgende Beitrag geht der Frage nach, wie Religion, Religiosität und Spiritualität in eine säkularisierte Lebenswirklichkeit eingeordnet werden und welche Rolle ihnen im Gesundheitswesen zukommen. Darüber hinaus wird beschrieben, wie Begleitung in Form von Spiritual Care und Seelsorge stattfinden kann.
Für ihren Beitrag zu Spiritual Care in den nicht-christlichen Religionen danken die Autoren: Dr. med. Almut Göppert für Spiritual Care im Buddhismus, Michael Petery für Spiritual Care im Judentum und Israfil Polat für Spiritual Care im Islam.
Religion, Religiosität und Spiritualität im Kontext des Gesundheitswesens
_Die Begriffe_
In diesem kontrovers diskutierten Feld ist festzustellen, dass bei der Betrachtung der Begriffe zwei Perspektiven unterschieden werden müssen: Wie werden die Begriffe heute in der Fachwelt diskutiert? Und: Was verbinden heute die Menschen damit? Eine Klärung dessen, was mit Religion, Religiosität und Spiritualität konkret gemeint ist, was sie gemeinsam haben und wodurch sie sich unterscheiden, ist nicht mit wenigen Sätzen zu beschreiben. Der Beitrag von Utsch und Klein zeigt eindrücklich die Auseinandersetzung mit einer inhaltlichen Abgrenzung wie auch das Ringen um eine Verhältnisbestimmung zueinander. Ohne die geschichtliche Entwicklung hier in den Vordergrund zu stellen, lässt sich heute (vereinfacht dargestellt) die Tendenz erkennen, dass der Begriff der Religion mit einer institutionalisierten Religionsgemeinschaft in Verbindung gebracht wird, während Religiosität „die individuelle Seite des Religiösen meint im Unterschied zu professionellen Theologien, Dogmen und Lehrmeinungen, Kirchen und Religionsgemeinschaften“1 .
Der Spiritualitätsbegriff stand lange Zeit in enger Verbindung mit der Frömmigkeitspraxis des Christentums. Diese Verbindung hat sich im vergangenen Jahrhundert verändert weg von einer Verortung im religiösen Kontext hin zu der Vorstellung, Spiritualität bezeichne im weitesten Sinne etwas, das eine existenzielle, mit persönlichem Lebenssinn zu füllende Kategorie ist. Unter dem Stichwort der „spirituellen Wende“2 beschreibt Grom, wie persönliche Erfahrungen und Ressourcen zu Eckpfeilern werden, die wichtig sind, wenn es z. B. um die Bewältigung einer Erkrankung geht. Unstrittig ist inzwischen, dass dabei auch „Lebenszufriedenheit, Sinnerfüllung und säkular oder religiös motivierte Bewältigungsformen (Copingstrategien)“3 eine wichtige Rolle spielen. Die Bedeutung der Versuche, die Begriffe inhaltlich zu bestimmen, ist also gewachsen mit der Erkenntnis, dass religiöse bzw. spirituelle Aspekte im Gesundheitswesen wichtig sind. Denn:
„Religiöse Einstellungen (...) üben auch auf das individuelle Gesundheits- und Krankheitsverhalten einen praktischen Einfluss aus. Die unterschiedlichen Sichtweisen von Krankheit und Gesundheit, Heil und Heilung oder Körper, Geist und Seele machen Konzepte einer interkulturellen bzw. multikulturellen Medizin erforderlich“4 .
Mit dieser Entwicklung haben in der Folge auch Disziplinen wie Medizin, Sozialwissenschaft und Psychologie begonnen, sich mit diesen Begriffen und ihrer Bedeutung auseinanderzusetzen. Mit dem Fokus auf die Versorgung von Menschen im Gesundheitswesen ist durchaus eine Differenzierung anzutreffen,
„wenn beispielsweise Spiritualität die Authentizität, persönliche Bedeutung und eigene Erfahrung im Gegenüber zu einer hierarchisch, dogmatischen und institutionellen Religion / Religiosität beschreiben soll. Die Strategie einiger medizinischer und psychologischer Untersuchungen ist es darum, beide Begriffskomplexe in Kombination anzuwenden, um die Bandbreite offen zu lassen“5 .
Als Konsens lässt sich sagen, dass Religiosität bzw. Spiritualität eine anthropologische Kategorie darstellt, die in jedem Menschen grundgelegt ist und bei einer existenziellen Bedrohung an Bedeutung zunimmt6 . Diese in den Gesundheitswissenschaften übliche breite Begriffsverwendung ist allerdings in anderen Forschungsgebieten, z. B. in der Religionssoziologie7 , umstritten.
_Die Bedeutung fĂĽr den Menschen_
Religiöse bzw. spirituelle Selbsteinschätzung
Der zunehmende Stellenwert von Religiosität und Spiritualität im Gesundheitswesen geht einher mit einer diesbezüglichen zunehmenden Individualität in der Selbstwahrnehmung der Menschen sowie mit einer abnehmenden Verwurzelung in religiösen Gemeinschaften. Deshalb ist zu beachten, wie die von Krankheit betroffenen Menschen diese Begriffe für sich mit Inhalt füllen und im Leben verankern. Zahlreiche Studien haben sich mit der Frage beschäftigt, ob sich Menschen als religiös und / oder spirituell bezeichnen. Die Antworten fallen so …
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Der vollständige Artikel umfasst 24 Seiten
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