## **I - 19 Begleitung
Krankheit und Sterben: Religionswissenschaftlich fundierte Möglichkeiten der Forschung, Information, Beratung** VON REINHARD KIRSTE
In einem Beitrag vom 27.02.07 in der Süddeutschen Zeitung kommt Nicola Kuhrt gleich auf den Punkt:
„Rund 7,5 Millionen Einwanderer leben mittlerweile in Deutschland - doch das Gesundheitssystem hat sich noch immer nicht auf sie eingestellt. Von einer Berücksichtigung der Belange der Einwanderer durch das deutsche Gesundheitswesen kann noch keine Rede sein, heißt es im jüngsten Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Integration aus dem Jahr 2005. Gründe seien mangelnde Sprachkompetenz in den Einrichtungen, kulturell begründete unterschiedliche Auffassungen von Krankheit, fehlendes Fachpersonal oder fehlende Beratungsangebote. Es gebe zwar immer mehr kultursensible Projekte mit Modellcharakter, diese sind aber meist zeitlich begrenzt und gehen wieder verloren. (…) Oftmals fehlt es schlicht an Beratungsangeboten: Wie Untersuchungen gezeigt haben, wissen Migranten oft wenig über die Abläufe und Angebote des deutschen Gesundheitssystems. Krebsfrüherkennung, Schwangerschaftsvorsorge oder Ernährungsberatung werden selten genutzt, zum Zahnarzt gehen viele Patienten erst, wenn sie Schmerzen haben.“
Nun ist es für alle in der Pflege Tätigen nicht leicht, angesichts stark voneinander abweichender Sitten und Gebräuche gerade im Intimbereich richtig zu reagieren, insbesondere wenn noch Sprachschwierigkeiten hinzukommen. Darum lassen sich keine generellen Informationen geben, sondern sie müssen zum einen auf die entsprechende Religion bezogen sein, zum andern aber zeigen sich auch oft gravierende Unterschiede innerhalb einer einzigen Religion, und zwar im Blick auf extrem konservative bis hin zu relativ liberalen Haltungen, die den Gebräuchen innerhalb einer säkularen Gesellschaft recht nahe kommen. Christoph Peter Baumann hat sich mit seinem Ratgeber „Der Knigge der Weltreligionen“ (2005) mehr der Alltagsriten angenommen, zwar auch auf Tod und Bestattung hingewiesen, während der Besuch beim Arzt und der Aufenthalt im Krankenhaus allerdings noch besondere Überlegungen erfordern.
Schon 1987 wies Gabriele Schäfer-Böker1 in ihrem Beitrag „Krankheits - konzepte ausländischer Familien“ darauf hin, dass bei Menschen, die aus einer landwirtschaftlich geprägten Kultur kommen, diese Herkunft ihr Krankheitsund Gesundheitsverhalten entscheidend beeinflusst. Das hat mit Religion insofern zu tun, als bestimmte volksreligiöse Ausprägungen bis hin zu magischen Vorstellungen infolge der Migration mit anderen Deutungsmustern konkurrieren oder gar in Konflikt geraten. Schäfer-Böker hat drei Typen der Deutung und Bewältigung herausgearbeitet:
1.Krankheit und Behinderung werden monokausal abgeleitet, d.h. Krankheit kommt von außen auf den Menschen zu.
2.Bestimmte Ereignisse im Leben des Erkrankten werden unmittelbar (magisch) auf das jetzige Krankheitsbild übertragen.
3. Die Anpassung an die naturwissenschaftlichen Erklärungsmuster
Krank - heit macht oft Schwierigkeiten.
Weil wir jedoch in einer Welt leben, die entweder bereits multikulturell ist oder wo zumindest viele Kulturen ihren Einfluss geltend machen, hat es auch in Deutschland eine erhebliche Erweiterung im Umgang mit Sitten und Gebräuchen gegeben, sodass sich in der gegenwärtigen Gesellschaft viele Elemente entdecken lassen, die die eigene Herkunftskultur überschreiten. Im englischsprachigen Raum hat sich dafür das Wort „cross-cultural“ durchgesetzt, das mit „interkulturell“ nur sehr unzureichend wiedergegeben wird. Unabhängig jedoch vom Wortgebrauch werden Service und Dienstleistungen und spezielle Beratungsangebote nötig, die auf die Menschen mit unterschiedlichem kulturellen und religiösen Traditionshintergrund nicht nur Rücksicht nehmen, sondern auch Verhaltensweisen der Begleitung von Menschen ändern. Drei Schwerpunkte sind m. E. dabei generell für alle Menschen zu setzen: den anderen/die andere wahrnehmen, annehmen und unterstützen. Es gibt wenige Organisationen im Pflegebereich, die das schon systematisch bedacht haben. Dazu gehört SIPPC, die Gesellschaft für Interkulturelle Seelsorge und Beratung. Helmut Weiß, einer der Initiatoren, beschreibt dies in einem Brief an den Autor so:
„SIPCC hat ihre Kompetenz entwickelt aus der direkten Begegnung mit Menschen aus fremden Kulturen. Wir waren dadurch angeregt und gezwungen, uns immer wieder zu fragen, was mit uns in diesen Begegnungen geschieht und wie wir …
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Der vollständige Artikel umfasst 28 Seiten
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