Blume, Religionsdemografie

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Religionsdemografie - Zum Kinderreichtum einiger religiöser Traditionen und Gemeinschaften MICHAEL BLUME Einleitende Beobachtungen Die Beobachtung, dass sich Mitglieder religiöser Gemeinschaften im Fami - lien- und Reproduktionsverhalten unterscheiden, ist schon sehr alt. So berichtet das biblische Buch Exodus von der Angst des Pharao vor dem Kinderreichtum der Israeliten - ein Konflikt, der schließlich in die Erzählung vom Auszug der Minderheit nach Israel mündet. Bis heute gelten die nach Gen. 1,28 ersten Worte des biblischen Gottes an die gerade erschaffenen Menschen: „Seid fruchtbar und mehret euch!“ als erstes aller 613 biblischen Geund Verbote. Für die Neuzeit sind neben kinderreichen Gemeinschaften des orthodoxen Judentums auch christliche Gemeinschaftstraditionen wie die Old Order Amischen, Old Order Mennoniten oder Hutterer belegt, die trotz fast völligen Verzichts auf aktive Mission aufgrund ihrer hohen Kinderzahl zwischen sechs und acht Kinder pro Frau durch das 20. Jahrhundert hindurch nahezu exponentiell gewachsen sind.1 Zwar ist unstrittig, dass staatliche Familienförderung die allgemeinen Geburtenraten in betroffenen Gesellschaften zu erhöhen vermag, wie beispielsweise für Frankreich und Schweden belegt. Aber bislang ist trotz jahrzehntelanger Suche in Religionswissenschaft & Demografie keine einzige nichtreligiöse Population oder Gemeinschaft belegt, der es gelungen wäre, auch nur drei Generationen hindurch ihre Geburten raten über 2,1 Kinder pro Frau - der Mindestzahl für demografische Stabilität - zu halten.2 Diese Befundlage hat inzwischen in der Evolutionsforschung wachsendes Interesse gefunden, da sie neue Antworten auf die (schon von Charles Darwin selbst aufgestellte) Hypothese einer auch biologischen Adaptivität religiösen Verhaltens und damit einer Naturgeschichte von Glaubensfähigkeit unter - mauert.3 Aber auch die Sozial- und Politikwissenschaften haben in jüngster Zeit das Thema aufgegriffen, da die vorliegenden Daten ein Nebeneinander von Säkularisierung und dem Nachwachsen religiöser Vielfalt in den jungen Generationen sowohl auf globaler wie europäischer und nationaler Ebene belegen. Besonders diskutiert werden dabei u. a. die wellenförmigen „Erweckungen“ kinderreicher Gemeinschaftsbewegungen in der US-Geschichte, das starke Anwachsen der jüdischen Ultraorthodoxie (Haredim) in Israel und die religiöse Pluralisierung in Europa.4 Komplexe, statistische Zusammenhänge Ein starker, statistischer Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Kinderzahl und der Häufigkeit von Gebeten und Gottesdienstbesuchen gilt inzwischen - vor allem auch nach Auswertung von Daten der World Value Surveys in inzwischen 84 Nationen - als belegt.5 Auch innereuropäische Studien haben den Zusammenhang bestätigt gefunden.6 Sieht man vom Aufstieg des Judenund Christentums in der demografisch schrumpfenden Spätantike ab, so liegen Daten zur durchschnittlich höheren Nachkommenzahl einiger religiöser Traditionen seit dem 17. Jahrhundert vor.7 Allerdings ergibt sich bei näherer Betrachtung ein sehr viel komplexeres Bild. So weisen zwar innerhalb der untersuchten Gesellschaften je religiös ver - gemeinschaftete Menschen durchschnittlich höhere Kinderzahlen auf als ihre säkularen Mitbürger. Allerdings erreichen im Ländervergleich einige vergleichsweise säkulare Nationen wie Frankreich oder Schweden deutlich höhere Geburtenraten als einige traditionell-kirchlich geprägte Länder wie Italien, Griechenland oder Polen.8 Diese Befunde verweisen wiederum auf historische Entwicklungen, die allzu schnellen Antworten auf religionsdemografische Zusammenhänge den Boden entziehen: Wiesen katholisch geprägte Nationen Europas noch am Anfang des 20. Jahrhunderts eine um durchschnittlich 0,5 Kinder pro Frau erhöhte Fertilität auf, so verschwand dieser Vorteil bis zu den Siebzigerjahren - und seit den …
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