Kirste, Zu Gottesverständnis, Koran-Auslegung und Bedeutung der Scharia bei Mouhanad Khorchide

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Zu Gottesverständnis, Koran-Auslegung und Bedeutung der Scharia bei Mouhanad Khorchide Von Reinhard Kirste Mouhanad Khorchide Islam ist Barmherzigkeit Grundzüge einer modernen Religion. Herder, Freiburg u. a. 2012 220 Seiten Mouhanad Khorchide Scharia - der missverstandene Gott Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik Herder, Freiburg u. a. 2013 232 Seiten Zum Autor Mouhanad Khorchide (geb. 1971 in Beirut) ist seit 2010 Professor für Islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster. Er ist damit für die Ausbildung der Religionslehrer zuständig, die künftig Islamischen Religionsunterricht erteilen. Da dieses Studium in Vergleichbarkeit mit der Ausbildung katholischer und evangelischer Religionslehrer gelehrt werden soll, hat man in Nordrhein-Westfalen ein sogenanntes Beiratsmodell etabliert. Es handelt sich um eine Zwischenlösung. Die eher konservativen islamischen Verbände werden hier ähnlich wie die Kirchen behandelt, d. h. sie haben ein gewisses Mitspracherecht bei der Besetzung der islamischen Lehrstühle in NRW. Nun haben die theologischen Positionen von Mouhanad Khorchide relativ bald zu einem Streit über die rechte islamische Lehre geführt. Man muss allerdings einräumen, dass das von Khorchide vorgelegte Konzept nicht die islamische Mehrheitsmeinung der Gegenwart wiedergibt. Aber es hat zu allen Zeiten in der islamischen Geschichte genügend Vertreter gegeben, die im islamischen Offenbarungsverständnis und in der Koranauslegung angesichts der jeweiligen historischen Zeitumstände für eine reformorientierte Aktualisierung plädierten. Hier liegt genau das Problem der Interpretation von Gottes Offenbarungswort im Koran. In einem Gutachten der großen islamischen Verbände Deutschlands, die sich als Sprecher aller Muslime verstehen (wollen), wurde schließlich die Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhlinhaber als völlig zerrüttet dargestellt. Zwar hat sich in letzter Zeit der Streit etwas beruhigt, aber der Hauptanstoß bleibt weiterhin das von Khorchide im Jahre 2012 publizierte Buch „Islam ist Barmherzigkeit“.1 Der 2013 erschienene Titel „Scharia - der missverstandene Gott“ wurde erstaunlicherweise bisher nicht in die Debatte einbezogen. Unabhängig von der Tatsache, dass es in diesem Streit auch um „kirchen“-politische Einflussmöglichkeiten auf die Ausbildung zukünftiger islamischer Religionslehrer und ggf. auch Imame geht, zeigt sich hier eine innerislamische hermeneutische, teilweise sehr polemische Diskussion um das wahre Verständnis des Koran und der islamischen Glaubensinhalte in ihrem Bezug zur Gegenwart. Welche Intentionen und theologischen Schwerpunktsetzungen finden sich in diesen durchaus populärwissenschaftlich geschriebenen Büchern? Islam ist Barmherzigkeit Bereits der Titel ist Signal. Khorchide versucht mit diesem Buch, in die oft von Vorurteilen und Verdächtigungen geprägte Islamdebatte ein anderes Islambild einzubringen und dies auch entsprechend zu belegen. Der Koran bietet hier bereits eine ins Auge fallende Orientierung: Jede Sure (außer der 9.) beginnt mit der Formel „Im Namen Gottes, des Gnädigen und Barmherzigen!“ Khorchide wendet sich von daher gegen ein von vielen Muslimen verinnerlichtes Gottesverständnis, in dem Gott als derjenige angesehen wird, der (bedin- gungslose) Unterordnung einfordert. Diejenigen, die sich an die koranischen Weisungen halten, werden belohnt, die anderen spätestens beim Jüngsten Gericht bestraft. In seiner Darlegung lehnt der Autor solche „schwarze Pädagogik“ generell ab.2 Das erfordert allerdings ein verändertes Verstehen von Paradies und Hölle: Die Hölle ist ein Nein zu Liebe und Barmherzigkeit.3 Allerdings ist die Barmherzigkeit Gottes kein Freibrief, Unrecht zu tun.4 „Jeder Akt der Barmherzigkeit in dieser Welt ist eine Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes, denn die Barmherzigkeit Gottes ‚umfasst alle Dinge‘.“5 So kann Khorchide u. a. durch Berufung auf Sure 55 betonen, dass Gott bedingungslos schenkt und damit den Weg zur Selbstvervollkommnung für Muslime freimacht. Das allerdings ist keineswegs eine islamische theologische Einzelmeinung.6 Diese …
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