Dietrich Bonhoeffer: Christ, Theologe, Mensch, Dichter, Märtyrer
Von Peter Zimmerling
Als Dietrich Bonhoeffer von den Nationalsozialisten am 9. April 1945, also unmittelbar vor Kriegsende, im bayerischen KZ Flossenbürg hingerichtet wurde, war er erst 39 Jahre alt. Dennoch ist er heute der im In- und Ausland bekannteste und meist zitierte deutsche Theologe des vergangenen Jahrhunderts. Seine Faszinationskraft gerade unter der jüngeren Generation ist ungebrochen. Ursache dafür ist Bonhoeffers Glaubwürdigkeit: dass er sein Leben für seine Überzeugung eingesetzt hat. Während der beiden letzten Lebensjahre im Gefängnis wurde sein Leben einer außerordentlichen Bewährungsprobe ausgesetzt. Einblick darin erlauben „Widerstand und Ergebung“ und „Brautbriefe. Zelle 92“, die beiden Briefsammlungen aus der Haft, die posthum als Bücher erschienen sind.1
Ich möchte mich im Folgenden dem Leben und Werk Bonhoeffers aus fünf Perspektiven nähern: indem ich ihn als Christen, Theologen, Menschen, Dichter und Märtyrer darstelle. Die fünf Perspektiven dürfen nicht voneinander isoliert werden. Erst zusammengenommen ergeben sie ein zuverlässiges Bild Dietrich Bonhoeffers.2
Der Christ
Es war nicht selbstverständlich, dass Dietrich Bonhoeffer Theologie studierte und die Kirche mehr und mehr zum Fixpunkt seines Lebens und Werkes wurde. Die Erziehung im Hause Bonhoeffer war religiös zurückhaltend.3 Die Mutter sorgte zwar dafür, dass ihre acht Kinder Bibelverse und Kirchen lieder auswendig lernten, die sie selbst schätzte. Dennoch war die Familie alles andere als kirchlich. Heute würde man sie zu den sog. Kirchendistanzierten rechnen. Auch wenn die Bonhoeffers zur Kirche gehörten, nahmen sie weder am Gottesdienst der Ortsgemeinde in Berlin-Grunewald teil noch engagierten sie sich an einer anderen Stelle in der Institution Kirche. Die Kirche kam in ihrem Alltag schlicht nicht vor.
Diese Distanz zur Institution Kirche und einem engagierten Christsein fällt deswegen auf, weil es unter den unmittelbaren Vorfahren und nahen Verwandten Bonhoeffers sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits eine Reihe von
Theologen gab. Der Vater stammte aus alter württembergischer Familie, die eine große Anzahl von Diakonen, Pfarrern und Superintendenten aufwies. Noch heute kann man deren stattliche Grabmäler in der Michaeliskirche von Schwäbisch Hall betrachten. Dietrichs Mutter Paula Bonhoeffer war eine geborene von Hase. Ihr Vater war ursprünglich Oberhofprediger Kaiser Wilhelms II. in Potsdam, hatte sich aber mit diesem überworfen und war mit einem Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Breslauer Universität abgefunden worden.
Die Diskrepanz zwischen der kirchlich-theologischen Tradition, aus der die Familie kam, und ihrer - fehlenden - aktuellen kirchlichen Verbundenheit stellt ein wichtiges Moment auf dem Weg zur Hinwendung Dietrich Bonhoeffers zu einem bewussten Christsein dar. Er füllte damit für sich die in der Familie entstandene spirituelle Leerstelle wieder aus.
Sowohl Bonhoeffers Vater als auch seine älteren Brüder zeichnete eine agnostische Grundstimmung aus. Sie war der spirituelle Grund, warum die Familie gegenüber der verfassten Kirche, ja gegenüber dem christlichen Glauben überhaupt auf Distanz gegangen war. Symptomatisch für diese Einstellung ist folgendes Zitat aus einem Geburtstagsbrief des Vaters an Dietrich Bonhoeffer. Der Brief stammt vom 2. Februar 1934, ist also in der heißen Phase des Kirchenkampfes verfasst worden:
„Als Du Dich seinerzeit für die Theologie entschlossen hast, dachte ich manchmal im Stillen, dass ein stilles, unbewegtes Pastorendasein, wie ich es von meinen schwäbischen Onkeln kannte und wie es Mörike schildert, eigentlich doch fast zu schade für Dich wäre. Darin habe ich ja, was das Unbewegte anlangt, mich gröblich getäuscht. Dass eine solche Krise auch auf dem Gebiete des Kirchlichen noch möglich würde, schien mir aus meiner naturwissenschaftlichen Erziehung heraus eigentlich ausgeschlossen.“4
Die Ansicht von Dietrichs Vater lässt sich folgendermaßen auf den Punkt bringen: Kirche und Christentum haben keine Zukunft. Sie sind zum Absterben verurteilt. Der Siegeszug von Naturwissenschaft und Technik hat sie überholt. Es lohnt deshalb nicht, sich für sie zu engagieren. Dennoch hat der Vater Dietrich auf dem Weg zum Theologiestudium keine Steine in den Weg gelegt. Es spricht für seine Vornehmheit und Liberalität, dass er Jahre später, wo er selbst bereits angefangen hat, seine Ansicht zu revidieren, dem Sohn in dieser Deutlichkeit seine …
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Der vollständige Artikel umfasst 20 Seiten
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