Margot Käßmann - In der Mitte des Lebens
Von Manfred Kwiran
„In der Mitte des Lebens, in der Diesseitigkeit des Lebens, erfahren wir Gott und seine Barmherzigkeit und seinen Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Gott ist somit nicht an der Peripherie des Lebens oder gar im ,entweltlichten‘ Bereich zu suchen, sondern im hier und jetzt zu erfahren. In die Mitte des Lebens hinein gestellt, da wo wir sind, in welcher Situation und Lebenserfahrung auch immer, sind wir verantwortlich mit unseren Stärken und Schwächen, werden wir von Gott gehalten.“
Als Theologin hat Margot Käßmann sich seit Längerem mit der Mitte des Lebens beschäftigt, sodass sie 2009 das Buch „In der Mitte des Lebens“ publizierte. Es ging ihr hier um Gedanken nach ihrem 50. Geburtstag (2008), wie man solch eine Lebensmitte erlebt, erleben könnte.
„Bei aller Verschiedenheit aber scheint der 50. Geburtstag doch für fast alle Menschen ein besonderer Anlass zum Innehalten zu sein. (…) Die Mitte ist voller Spannungen. Mehr als die halbe Wegstrecke ist vorüber, und doch bin ich noch mittendrin, gespannt und ein bisschen bange zugleich, was noch alles kommen wird. Ich habe versucht, diese Spannungen in zehn großen Bögen zu beschreiben. Als Christin weiß ich mein Leben in Gottes Hand, in jedem Alter. Und so gehört für mich zu den Aspekten des Älterwerdens die biblische oder schlicht christliche Perspektive. (…) eine biblisch gegründete Lebenshaltung, von der aus die existenziellen wie die aktuellen Fragen bedacht werden.“1
Obwohl ihre Ansprechpartnerinnen für dieses Buch Frauen in unterschiedlichen Lebenslagen sind und vielleicht ein Mann, wie sie meint, eins für die Männer schreiben müsste, sind ihre eigenen Erfahrungen und Einsichten zur Lebensmitte mehr als nur dies. Sie zeigen auf, dass der Mensch schlechthin, egal welchen Alters, sich der Welt nicht entziehen kann und dass „der“, welcher die Welt geschaffen hat, auch alles Leben „in seiner Hand hält“. So sieht sie im Leben einen wichtigen Balanceakt, der auch im Älterwerden nicht unwichtig wird.
„Wer balanciert, versucht, nicht nach links oder rechts abzugleiten, nicht zu wanken, einen Stand zu finden, fest zu stehen, im Gleichgewicht zu sein und so auch weiterzukommen. Balance ist deshalb ein schönes Bild für diese Lebensmitte, finde ich. Eine Balance, die Kraft gibt und auch Mut macht.“2
Sie zitiert in diesem Zusammenhang Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms: „Ich stehe hier, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.“3 Im ganzen Buch versucht Käßmann deshalb aufgrund von biblischen Geschichten und Lebenserfahrungen, diese „Lebensmitte“ aufzuspüren und nach „Weisung“ zu befragen, nach Hilfe zu suchen für Situationen, wo es durchaus nicht einfach ist, standhaft zu sein. Die biblischen Geschichten, die Heranziehung literarischer Werke, dienen im gesamten Buch dem geschichtlichen Aufrollen eines spannenden Lebens, von Käßmann selber immer wieder auch kritisch reflektiert, angefangen mit dem ersten Kapitel und dem vielsagenden Thema „Kinder loslassen“ und wie „das Ende der Zeit der Kindererziehung“ eine neue Freiheit und Entlastung sein kann, bis hin zu ihren Gedanken zum eigenen endgültigen Loslassen von allem, dem hoffentlich erfüllten und in Verantwortung gelebten Leben.
„Auch in der Mitte des Lebens bleiben diese drei: Glaube, Liebe, Hoffnung. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Darauf verlasse ich mich. Der Tod wird sein. Aber davor noch kommt diese andere Lebensphase, auf die ich neugierig bin. Vor dem Tod gibt es noch viel zu er-leben, darauf bin ich gespannt. Ich hoffe, ich kann alt werden und nicht bereuen, wie ich gelebt habe. Es war so, wie es war. Mit dem Kreislauf des Lebens kann ich mich einverstanden erklären (…). Dass ich Lebenssattheit und -zufriedenheit spüren werde, wünsche ich mir. Sie ist erfahrbar und erlebbar, wo ich dankbar zurückblicken kann und neugierig bleibe.“4
Das Leben als ein von Gott geschenktes, anvertrautes, erfahren zu haben, dass Gott immer einen hält und aufrichtet, auch über das Ende hinaus, „gibt mir das Gleichgewicht, das ich in der Mitte des Lebens brauche“.5
Ein wichtiger, ja wesentlicher Aspekt des Lebens, ist die Einübung
Gelassenheit. Ohne diese können die jeweils neuen Herausforderungen nicht angenommen werden.
„Gelassenheit und Ruhe, ohne die wir nicht die Kraft haben, unser Leben bewusst zu gestalten. Das kann von Mensch zu Mensch sehr verschieden aussehen, aber es bedarf eines Innehaltens. Immer wieder einmal ist sozusagen ein Stoppschild nötig, das signalisiert: Halt mal an und …
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Der vollständige Artikel umfasst 31 Seiten
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