## **I-14.9.3 Zwischen Glaube, Bildung und Dialog: Fethullah Gülen**
REINHARD KIRSTE
Biographisches
Fethullah Gülen wurde 1941 bei Erzurum in der Osttürkei geboren und ist dort aufgewachsen. Trotz des im türkischen Staat herrschenden Laizismus kemalistischer Prägung fiel schon in seiner Kindheit seine Verbindung von Religiosität und Bildungshunger auf.
So wird berichtet, dass er wohl bereits im Alter von vier Jahren den Koran mithilfe seiner Mutter zu Ende gelesen hatte. Sein Vater, der zuerst nicht religiös war, eröffnete ihm schließlich weitere Zugänge zum Islam als möglichen Lebensstil. Damit gewann auch der Prophet Mohammed an Bedeutung und erhielt für Gülen Vorbildcharakter. Nach einer üblichen Ausbildung in einer Madrasa (Medrese), eine Art Schule, in der hauptsächlich Religionswissenschaft gelehrt wurde - und also unabhängig vom staatlichen Schulsystem (!) - begann er als junger Erwachsener eine Phase als Vorbeter (Imam) in Edirne, im europäischen Teil der Türkei. Dies geschah nun in einem stärker säkularisierten Umfeld. Aus heutiger Sicht wirkte er wie ein populärer aufklärerischer Prediger, der sich in Cafes, Gaststätten und auch im Freien für ein religiöses Leben im Sinne eines Islam engagierte, der sich auch für Kultur und Bildung öffnet. Da er also keine fundamentalistische Linie der Religion vertrat, sondern auch die den Wissenschaften zugänglichen Elemente von Religion betonte, geriet er fast zwangsläufig ins Visier des Staatsapparates. Angesichts der kemalistischen Staatsideologie sah das durchaus nach politischer Gegen-Agitation aus.
Weitere Folgen blieben jedoch aus, weil er wie alle jungen türkischen Männer seinen Wehrdienst ableisten musste und dazu nach Izmir kam. Nach seiner Wehrdienstzeit versuchte er seine inzwischen weiter entwickelte Vision eines „gebildeten Islams“ umzusetzen und wurde nach der Abschlussprüfung 1959 Prediger, Lehrer und Internatsleiter in Kestane Pazari. Bald hatte er mit seinen Predigten und Unterrichtsprogrammen großen Erfolg und blieb sicher den extrem laizistischen Kräften ein Dorn im Auge. So verwundert es nicht, dass er beim Militärputsch vom 12.03.1971 zusammen mit Linksextremisten und religiösen „Aktivisten“ festgenommen wurde und fast ein halbes Jahr im Gefängnis saß. Nach dieser schlimmen Phase allerdings zog er sofort wieder als Wanderprediger in die unterschiedlichsten Moscheen fast aller Provinzen in der Türkei.
Ausweitung seiner Bewegung
Die Inhalte seiner Predigten und Reden sind geprägt von der Gegenüberstellung eines säkularisierten Verständnisses der Evolution und der Schöpfung Gottes, allerdings nicht in einem ausschließlichen Gegensatz, sondern indem er den Zusammenhang von Gott, Schöpfung und Evolution aufzeigt und für die Erziehung der Kinder unter dem Leitbild des Propheten Mohammed weiter umsetzt. Diese Intentionen kehren in allen seinen (zahlreichen) Veröffentlichungen wieder, wie das auch auf Deutsch erschienene Buch Hin zu einer globalen Kultur der Liebe & Toleranz (S.248) zeigt:
„Das Leben auf Erden ist von größter Wichtigkeit, denn es beeinflusst unser Leben nach dem Tod ganz entscheidend. Daher sollten wir es so verbringen, dass wir uns mit ihm ein ewiges Leben und das Wohlwollen des Spenders allen Lebens verdienen. Dieser Weg führt uns über die unabdingbare Dimension des Dienstes an Gott zunächst zum Dienst an unseren Familien, Verwandten und Nachbarn, dann zum Dienst an unserem Land und unserm Volk und schließlich zum Dienst an der Menschheit und der ganzen Schöpfung. Diesen Dienst unseren Mitmenschen anzubieten, ist unsere Pflicht. Aber auch wir haben ein Anrecht darauf, dass unsere Mitmenschen uns diesen Dienst er - weisen.“
Hier lässt sich - wie an vielen anderen Stellen - einerseits eine starke ethische Ausrichtung erkennen, die dann auch die dialogische Nähe zu einem globalen Ethos (im Sinne von Hans Küng) ermöglicht und auf der anderen Seite die Basis solchen Ethos im Glauben an Gott (hier nun in seiner islamischen Variante) sieht, ohne dass sich daraus eine systematische islamische Theologie …
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 5 Seiten
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