Sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche
Zur Situation der Täter und ihrer Opfer[1]
Von Hermann Häring und Anne Dyer
Einleitung: Eine Diskussion bricht auf
Niemand kann zuvor ahnen, was Klaus Mertes SJ mit seiner Pressekonferenz vom 28. Januar 2010 auslösen wird. Der Leiter des Canisius-Kollegs berichtet von massiven sexuellen Grenzüberschreitungen an seiner Schule, die sich in den vergangenen Jahrzehnten ereignet haben.2 In einem Brief wendet er sich schon zuvor an die ehemaligen Schüler des Canisius-Kollegs.3 Er verweist auf eine „Spur der Missbräuche“, die sich durch die Siebzigerjahre hindurch bis in die Achtzigerjahre hineinzieht und die er mit „tiefer Erschütterung und Scham“ zur Kenntnis nimmt. Er spricht vom Wegschauen des Jesuitenordens, von der Verantwortung der Schule und der verbandlichen Jugendarbeit. Aus diesen Gründen bittet er alle Betroffenen um Entschuldigung für das, was ihnen am Kolleg angetan wurde.
Mertes spricht von den „tiefen Wunden“, die sexueller Missbrauch im Leben junger Menschen hinterlässt. Er stellt die Frage, welche Strukturen solche Übergriffe begünstigt haben und nennt wichtige Faktoren:
„fehlende Beschwerdestrukturen, mangelnden Vertrauensschutz, übergriffige Pädagogik, übergriffige Seelsorge, Unfähigkeit zur Selbstkritik, Tabuisierungen und Obsessionen in der kirchlichen Sexualpädagogik, unangemessenen Umgang mit Macht, Abhängigkeitsbeziehungen“.
Am 27. Mai legt die unabhängige Vertrauensperson Ursula Raue einen vorläufigen Abschlussbericht vor. Ihm zufolge haben sich in ganz Deutschland 205 Missbrauchsopfer gemeldet.4 Zwölf Patres und zwei weitere Mitarbeiter werden mit regelmäßigen Missbrauchsaktivitäten in Verbindung gebracht, 32 weitere Patres und Mitarbeiter jeweils eines sexuellen Übergriffs beschuldigt. Etwa die Hälfte der Beschuldigten ist bereits verstorben oder nicht mehr ansprechbar. Die meisten Fälle ereigneten sich in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren, andere gehen bis in die Fünfziger- und Sechzigerjahre zurück.
Damals kann Mertes noch nicht wissen, dass er über Monate hin eine Lawine der Enthüllungen lostritt, denn die Aufmerksamkeit weitet sich auf andere Ins-
titutionen, Priester und Ordensleute aus. Bald wird eine Vielzahl gravierender Einzelfälle in Pfarrgemeinden bekannt. Die Täter, in der Regel Männer, waren meist hoch geachtete, einfühlsame und beliebte Seelsorger. Ihre Übergriffe nahmen verschiedenste Formen an, von peinlicher Zärtlichkeit bis zu massiven Entwürdigungen, von psychischer Gewalt bis zu Züchtigungen und Prügeln, vom Missbrauch in Beichtstuhl und Sakristei bis zu Übergriffen nach Unterricht oder Ministrantenstunde, in der Pfarrwohnung oder im Jugendlager.5 Wellen der Erschütterung durchziehen die deutschen Diözesen und einzelne Pfarreien. Eine Bewegung der Kirchenaustritte setzt ein, die erst allmählich abebbt.6
Wie sich bald zeigt, rührt Mertes an kein speziell jesuitisches, internatsgebundenes oder katholisch-klerikales, sondern an ein gesellschaftliches Tabu. Die Diskussionslage erweitert sich, als Informationen über Missstände in weltlichen Internaten, etwa in der reformpädagogisch geleiteten, als Eliteinternat hoch angesehenen Odenwaldschule in Heppenheim (Bergstraße), hinzukommen.7 Hier zeigt sich ein vergleichbares Schema: Treibende Kräfte sind hoch angesehene, von der Schülerschaft akzeptierte Pädagogen. Enge Vertrauensverhältnisse und mangelnde Distanz lassen Missbrauchsbeziehungen wachsen. Dritte (Mitschüler und Kollegen) wissen oder ahnen die Missstände, schauen aber weg. Wesentlicher Grund für das Schweigen ist offensichtlich das Bedürfnis, auf jeden Fall zu dieser Institution zu gehören, die von den Betroffenen trotz allem geschätzt wird. Nach innen hat sie nämlich durchlässige Grenzen, die ein hohes Gemeinschaftsbewusstsein fördern. Nach außen sind die Grenzen aber starr. Niemand, auch kein Opfer will, dass etwas nach außen dringt.
Das aber erklärt noch nicht die gesellschaftliche Tabuisierung des Missbrauchs insgesamt. Immer wieder berichten die Medien von sexueller Gewalt z. B. in Sport- und Jugendvereinigungen. In einem wesentlich größeren Umfang findet sexueller Missbrauch - in der Öffentlichkeit oft übersehen - im familiären Kontext, in Pflegefamilien und Heimen statt. Hinzu kommt eine sehr hohe Dunkelziffer. Wie wir heute wissen, werden Opfer entweder nicht ernst genommen oder durch sozialen Druck zum Schweigen gezwungen; so bleiben sie in ihrer Scham stumm. Die jetzt aufgebrochene Diskussion hat eine bestimmte Gruppe von Betroffenen zum Reden gebracht. In diesem Beitrag sollen die Situation der Opfer, das Verhalten der Täter und Reaktionen der Kirchenleitung analysiert werden. In einem zweiten Beitrag wird auf juristische, strukturelle und mentale Reformfragen eingegangen. Doch fragen wir zunächst grundsätzlicher: Was ist mit dem Schlagwort vom Missbrauch gemeint?
Vergessene Opfer
Der Missbrauch und seine Folgen
Misshandlungen gegenüber Kindern finden auf verschiedenen Ebenen statt. Kinder erfahren sexuelle, körperliche und psychische Gewalt sowie Vernachlässigung. Kindesmisshandlung wird verstanden als eine nicht zufällige, bewusste oder unbewusste, gewaltsame, psychische oder physische Schädigung, die in Familien oder Institutionen (beispielsweise Kindergärten, Schulen, Heimen) geschieht. Sie kann zu Verletzungen, Entwicklungshemmungen oder sogar zum …
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Der vollständige Artikel umfasst 22 Seiten
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