Die ethische Diskussion der Gentechnologie
VON NIKOLAUS KNOEPFLER
Die ethische Diskussion der Gentechnologie wird in den Religionen, aber auch im säkularen Kontext teilweise recht kontrovers geführt. Im Folgenden werden nach einer Begriffsbestimmung im Rahmen der Darstellung naturwissenschaftlicher Grundlagen die Positionen der großen Religionen, aber auch die kontroversen Diskussionen innerhalb von Religionsgemeinschaften zu einzelnen ausgewählten Feldern der Gentechnologie dargestellt.
Begriffsbestimmung und naturwissenschaftliche Grundlagen
Alle Lebewesen auf dieser Erde speichern ihre genetische Information, den genetischen Code, in Paaren von Nukleinsäuren. Der genetische Code ist dabei mit wenigen Ausnahmen universell: Die Proteinsynthese läuft z.B. bei der Hefe und beim Menschen nach identischen Regeln ab. Dabei dienen die Nukleinsäurepaare als Vorlage für die Proteinsynthese. Jeweils eine Dreiergruppe solcher Nukleinsäurepaare, ein so genanntes Triplet, kodiert für eine Aminosäure. Da Proteine aus einer Kette der zwanzig verschiedenen Amino - säuren bestehen, bestimmt die Länge und Reihenfolge der Aminosäuren - sequenz Form und Funktion des entsprechenden Proteins. Um sich eine Vorstellung davon zu machen, was dies bedeutet, kann ein Vergleich mit Legobausteinen helfen. Einige wenige Steintypen genügen, um eine praktisch unbeschränkte Anzahl unterschiedlicher Bauwerke entstehen zu lassen. Wie sozusagen die Konfiguration der Steine ermöglicht, dass wir beispielsweise etwas als Haus und etwas als Turm identifizieren, so bewirkt die Konfiguration der Nukleinsäurepaare, dass wir es mit Mücken oder Menschen zu tun haben, obwohl die Nukleinsäuren identisch sind. Es kann nun nicht darum gehen, die genaue Wirkungsweise darzulegen. Es genügt für die Vorstellung, sich die Wirkungsweise der unterschiedlichen Konfigurationen ähnlich vorzustellen wie ein gutes Kochrezept. Der Unterschied besteht freilich darin, dass hier das Rezept selbst, vereinfacht gesprochen, für seine konkrete Realisierung sorgt. Das ist dadurch möglich, dass auf biologischer Ebene eine Art Anziehungskraft besteht. Die unterschiedliche Zusammensetzung der Nukleinsäuren als der Grundbausteine sorgt so dafür, dass sich bestimmte Aminosäuren bilden. Diese dienen letztlich dazu, dass wir in unserer Gestalt existent sind.
Man definiert dabei als Gen denjenigen Abschnitt von Nukleinsäurepaaren - genau genommen sind es Desoxyribonukleinsäuren, abgekürzt DNS bzw. englisch: DNA -, der die Information für ein Protein enthält. Die Gesamtheit der
Gene eines Lebewesens, also seine genetische Gesamtkonfiguration, bezeichnet man als Genom dieses Lebewesens. Bei aller Unterschiedlichkeit der Gesamtkonfiguration, finden sich in den einzelnen Sequenzen so große Ähnlichkeiten zwischen den Lebewesen, dass beispielsweise der Mensch als ein Gebilde aus etwa 100 Billionen Zellen und der Einzeller Hefe in verblüffender Weise verwandt sind. Die Hälfte aller Gene, die in unserer Spezies als Ursachen oder Auslöser von Krankheiten entdeckt wurden, ist auch bei der Hefe zu finden. Das ist der Fall, obwohl es bereits mehr als 700 Millionen Jahre her ist, dass Hefe und Mensch gemeinsame Vorfahren hatten. Ein weiteres Beispiel für diese starke Verwandtschaft: Der Wurm c. elegans verliert seine Fähigkeit, Eier zu legen, wenn in ihn ein Gen eingebracht wird, das beim Menschen die Alzheimer Krankheit auslöst. Umgekehrt sorgt das gesunde menschliche Gen, in den Wurm eingebracht, dafür, dass er wieder normal Eier legen kann, wenn sein entsprechendes Gen krank war.
Vor diesem Hintergrund lässt sich gut verstehen, wozu die Gentechnik dienen kann. Sie kann zu diagnostischen Zwecken gebraucht werden, also um die Abfolge der Basenpaare zu identifizieren, und in einem weiteren Schritt diesen so entzifferten genetischen Code auch zu entschlüsseln, also die Wirkweise der Sequenzen verstehen zu lernen. Auf diese Weise können einerseits Gen - sequenzen entdeckt werden, die zu besonderen Eigenschaften befähigen. Dies ist besonders für die Gentechnik bei Pflanzen und Tieren von Bedeutung. Es können aber auch Genveränderungen identifiziert werden, die für Krankheiten oder Behinderungen disponieren. Dies ist besonders im Blick für die beiden Formen vorgeburtlicher Diagnostik von Bedeutung, die genetische Präimplantationsdiagnostik (also die genetische Diagnostik eines in vitro gezeugten menschlichen Keims im Acht- bis Sechzehnzellstadium vor der Implantation) und die genetische Pränataldiagnostik.
Die Gentechnik kann aber auch dazu dienen, gentechnische Eingriffe vorzunehmen. Dabei sind zwei Formen zu unterscheiden: Die klassischen Züchtungsverfahren zielen darauf ab, dafür zu sorgen, dass möglichst nur das gewünschte Erbgut bestimmter Lebewesen an die nächstfolgenden Generationen weitergegeben wird. Die gentechnischen Eingriffe auf der molekularen Ebene bringen gezielt einzelne Sequenzen von Nukleinsäurepaaren in ein Lebewesen ein bzw. eliminieren gezielt einzelne Sequenzen. Dabei sind weitere Unterscheidungen zu machen: Der Eingriff kann sich auf ein einzelnes Lebewesen beziehen. Es handelt sich dann um einen so genannten somatischen Eingriff. Der Eingriff kann aber auch die Keimzellen betreffen und damit (möglicherweise) die Nachkommen …
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Der vollständige Artikel umfasst 15 Seiten
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