Kirsner, Zwischen Superman, Gottesknecht und Menschensohn: Jesusfigurationen im aktuellen Film

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Zwischen Superman, Gottesknecht und Menschensohn: Jesusfigurationen im aktuellen Film Von Inge Kirsner Nicht überall, wo Jesusfilm draufsteht, ist Jesus auch drin. Und umgekehrt, viel häufiger jedoch: Es kann eine Menge von Jesus in einem Film stecken, der nicht als Jesusfilm daherkommt. Es gibt eine ganze Reihe von Filmen, in denen ein „Jesus inkognito“ sein Wesen entfaltet, indem er sich opfert, die Menschen heilt oder rettet und sie mitsamt der ganzen Welt erlöst. Wie der Theologe Harvey Cox in dem Dokumentarfilm „Jesus Christ Moviestar“ (Ray Bruce / Martin Goldsmith USA 1992) sagt, muss jede Zeit ihre spezifische Jesusfigur schaffen, so wird sie immer wieder aktuell sein. Ganz allgemein könnte man sagen, dass der Film selbst ein Medium ist, in dem sich das Wort immer neu inkarniert; er ist die Fleischwerdung eines Gedankens, der Gestalt gewinnt und sich spiegelt, indem er ein Stück Welt erschafft und Menschen darin agieren lässt - nach dem Willen ihres Schöpfers bzw. ihrer Schöpfer (denn ein Film ist immer das Projekt vieler Künstler und Handwerkerinnen). Sobald das Geschöpf, der Film, die Werkstatt verlassen hat und in dem Augenblick lebt, wenn er projiziert wird, entfaltet er sein Eigenleben. Er trifft auf die Netzhaut der Zuschauenden und entfaltet sich im Kopf der Rezipienten. Jede / r sieht ihren und seinen Film, in jeder und jedem inkarniert er sich anders. Der Film hat also viel von einer Glaubenssache, und wir müssen uns auf ihn einlassen, damit er in uns wirken kann. Gnade ist ein Geschenk, für unser Heil können wir letztlich nichts tun - ein Bild dafür ist der Kinozuschauer, der still in seinem Kinosessel sitzt und etwas empfängt. Die „Arbeit“ beginnt (scheinbar erst) danach; haben wir uns den Film einverleibt, beginnen die Nachgedanken und Nachgespräche, und hat der Film etwas in uns berührt, entlässt er uns möglicherweise verändert. Dann kommen wir anders aus dem Kino heraus, als wir hineingegangen sind, und das Empfangene wird uns auch im Alltag begleiten - und sei es nur, dass wir manche Dinge und Menschen anders sehen als vorher oder manches überhaupt erst jetzt sehen und verstehen. Das Wort wird Fleisch - im Film geschieht dies auf konkretere Weise als in der Literatur, der bildenden Kunst oder anderen Medien: Er muss zeigen, von was er handelt, die Kamera haftet an der Oberfläche der Dinge und ist auf Körperhaftes / Dingliches angewiesen (eine Ausnahme sind Filme wie Derek Jarmans „Blue“, dessen rein blaue Leinwand die Bilderströme in das Innere der Zuschauenden zurückverweist). Also muss auch in einem Jesusfilm Jesus Fleisch werden, eine konkrete Gestalt annehmen - was in der Frühzeit der Filmgeschichte ja Blasphemisches befürchten ließ, weshalb man sich in manchen Filmen mit dem Schatten des Galiläers oder einer Rückenansicht zufriedengeben musste (so, wie auch Moses im AT das Nachsehen hatte und den Herrn nicht anschauen durfte). Das zweite Gebot mit dem Bilderverbot tat ein Übriges. Doch nach dem göttlichen Vorbild, welches sich entschloss, eine bestimmte, eine menschliche Gestalt anzunehmen, zeigen die Jesusfilme Aktualisierungen einer Figur, deren Abbild niemals das absolute, das letzte sein darf - und gegen eine solche Verabsolutierung richtet sich das zweite Gebot, das so gerade eine unablässige Bilderproduktion freisetzt. Einige dieser Bilderproduktionen, die in den letzten Jahren entstanden sind, möchte ich detaillierter vorstellen. Das Jesus-Video (Sebastian Niemann, Deutschland 2002) In einer Zeit, in der das Christentum seine gesellschaftsprägende Funktion verloren hat, scheint dennoch das Interesse an dem Menschen Jesus und seinen möglicherweise göttlichen Anteilen anzuhalten. Der Verkaufserfolg von Andreas Eschbachs Science-Fiction-Thriller „Das Jesus-Video“ von 1998 zeugte davon. Im Dezember 2002 lief dessen Verfilmung als Zweiteiler im Fernsehen; die Initialzündung der Handlung war die Frage: Hat Jesus wirklich gelebt? Und wie könnte man das heute beweisen, hätte man die Möglichkeit, mittels Zeitreise ein Zeitgenosse Jesu zu werden? Der Film nahm die faszinierende Romanidee auf: Bei Ausgrabungen in Israel machen Archäologen einen sensationellen Fund. In der Nähe eines Skelettes, das 2000 Jahre alt ist (dessen Gebiss aber Amalgamfüllungen enthält), entdecken sie die Bedienungsanleitung für eine digitale Videokamera. Auch das Papier war 2000 Jahre lang verschüttet - es handelt sich offenbar um die Überreste eines Zeitreisenden. Zudem finden die Forscher einen Brief, in dem von Jesus die Rede ist. Sollte dieser Zeitreisende Jesus getroffen und sogar gefilmt haben? Und wo befindet sich dann die Kamera? Der Archäologiestudent Steffen …
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