Freie Bestattungsredner
ANJA KIRSCH
Bestattungskultur im Wandel - Eine Situationsbeschreibung
In der Vergangenheit lag der professionelle Umgang mit Tod und Trauer im Wesentlichen in den Händen der christlichen Kirchen: Die kirchlich-christliche Beisetzungsfeier war eine Selbstverständlichkeit. Im 21. Jahrhundert hat sich diese Tradition grundlegend gewandelt. Der Prozess der Säkularisierung sowie die damit zusammenhängende Spezialisierung von Berufsgruppen haben zu einer funktionalen Zergliederung im Umgang mit den Toten beigetragen.1
Besondere Bedeutung erhält in diesem Kontext die Etablierung einer nicht kirchlichen Bestattungskultur, in der so genannte Freie Redner anstelle von Pastoren das Wort ergreifen. Diese freien Trauer- und Bestattungsfeiern werden immer mehr zur Konkurrenz für die christlichen Kirchen, da sie ein Bedürfnis aufzugreifen scheinen, das mit dem mangelnden Zugehörigkeitsgefühl vieler Menschen zur Amtskirche zusammenhängt.
Wer sind Freie Bestattungsredner?
Bisher ist die Tätigkeit von Bestattungsrednern und -rednerinnen nicht an eine Berufsausbildung gebunden. Dementsprechend bildet die Bezeichnung Freier Bestattungsredner/Freie Bestattungsrednerin weder einen einheitlichen Fachterminus2 , noch ist damit eine feststehende Organisationsstruktur verbunden. Das die Redner/innen kennzeichnende Attribut frei bezieht sich vor allem auf den fehlenden Grad an kirchlich-institutioneller Anbindung der Feiern und lässt insofern keine direkten Rückschlüsse auf deren Inhalte zu.
Aufgrund der uneinheitlichen Organisationsformen sind statistische Angaben zur Gesamtanzahl der in Deutschland tätigen Redner nicht möglich. Allerdings präsentieren sich im Internet drei größere Verbände von Bestattungsrednern, deren Mitgliederzahlen teilweise veröffentlicht sind:
Die 1996 gegründete Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerfeier (BATF e.V.) verfügt derzeit über 75 Mitglieder. Der Verein ist nach Selbstaussage keiner religiösen Gemeinschaft oder Institution verpflichtet (vgl. www.batf.de).
Die Interessengemeinschaft freier Bestattungs- und Feierredner, die IFBF, vertritt Redner/innen, die für verschiedene Anlässe - Geburt, Hochzeit, Tod
usw. - tätig werden. Auch die IFBF bezeichnet sich als eine von weltanschaulichen bzw. religiösen Institutionen unabhängige Gemeinschaft bzw. keiner Institution verpflichtet (vgl. www.feierredner.de).
Der 1990 gegründete Fachverband für weltliche Bestattungs- und Trauerkultur e.V. bildet die dritte größere Organisation. Der Verband versteht sich als Teil der freigeistigen Bewegung, dessen erklärtes Ziel es ist, Trauerfeiern für Menschen ohne Religionszugehörigkeit auszurichten. Der vorurteilsfreie Umgang mit Gläubigen wird jedoch betont. Auf der Homepage befinden sich keine näheren Angaben zu den Mitgliederzahlen (vgl. www.tod-kultur.de).
In den drei Verbänden sind Redner/innen mit zum Teil sehr unterschiedlichen weltanschaulichen bzw. religiösen Überzeugungen organisiert. Nicht zu ermitteln ist die Zahl derjenigen Redner/innen, die freiberuflich und ohne Vereinsanbindung tätig sind. Eine genaue statistische Angabe des Anteils nicht kirchlicher Trauerfeiern an den Bestattungen insgesamt existiert nicht.3
Grundsätzlich ist die Tätigkeit als Freie/r Bestattungsredner/in nicht an ein religiöses bzw. weltanschauliches Bekenntnis gebunden. In der Branche sind beispielsweise (ehemalige) Pfarrer/innen, Absolventen des Theologiestu - diums, Humanisten sowie dezidiert Konfessionslose bzw. nicht religiöse Menschen tätig.
Dennoch ist die Etablierung einer weltlichen Bestattungskultur, in der Freie Redner/innen tätig sind, an verschiedene historische Voraussetzungen gebunden, die im folgenden Teil überblicksartig dargestellt werden.
Zu Entstehung und Geschichte der weltlichen Bestattungskultur in der Neuzeit in Deutschland
Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit waren Trauer- und Begräbnisriten christlich geprägt, weil die Kirchen das religiöse Monopol besaßen. Friedhöfe befanden sich zu dieser Zeit im Zentrum des Dorfes oder der Stadt, unmittelbar neben der Kirche. Beerdigungen besaßen den Charakter öffentlicher Veranstaltungen. Die Grabstätte direkt in der Kirche, ursprünglich Privileg der Geistlichen, wurde zum Statussymbol wohlhabender Oberschichten, die auf diese Weise ihren ökonomischen und gesellschaftlichen Einfluss zum Ausdruck brachten. Ebenso wie in der Stadt entwickelte sich auf dem Land ein gut organisiertes Bestattungswesen, das durch die engen nachbarschaftlichen Verhältnisse sowie die Entstehung von Zünften geprägt war.
Mit der Reformationszeit kam es zu gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, die sich auch auf die Bestattungskultur auswirkten: Die religiös begründete
Kritik an den zum Teil sehr ausladend gestalteten Begräbnisriten führte insgesamt zu einer bescheideneren Gestaltung. Zur Veränderung der kirchlichen Bestattungstradition trugen außerdem die aus …
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Der vollständige Artikel umfasst 11 Seiten
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