Religiöse Jugendfeiern
Von Michael Domsgen und Emilia Handke
Mit dem Sammelbegriff Religiöse Jugendfeier wird ein von der Katholischen oder/und Evangelischen Kirche (mit-)verantwortetes Passageritual mit zugehörigem Vorbereitungskurs bezeichnet, welches sich an konfessionslose Jugendliche richtet und ihnen eine Alternative zur Jugendweihe/Jugendfeier säkularer Anbieter neben der Konfirmation bzw. Firmung ermöglichen will.1 Seit 1997, als die erste Initiative am Erfurter Dom entstanden war, haben sich diese Feiern auf den Gebieten aller ostdeutschen Bistümer und Landeskirchen verbreitet, insbesondere an Schulen in konfessioneller bzw. christlicher Trägerschaft. Phänomenologisch bewegen sich Religiöse Jugendfeiern zwischen Jugendweihe und Konfirmation bzw. Firmung, indem sie lebensweltliche und theologische Elemente beider Passagerituale adaptieren. Taufe und Bekenntnis stellen weder eine Voraussetzung noch eine notwendige Konsequenz für die Teilnehmenden dar.
Terminologische Herausforderungen
Die einzelnen Feiern firmieren in der Praxis unter verschiedensten Eigennamen. Im katholischen Bereich hat sich vor allem der Begriff Feier der Lebenswende etabliert. Daneben existier(t)en weitere Bezeichnungen wie Segensfeier , Wunsch - und Segensfeier , Jugendsegen , Jugendfeier , Jugendwendefeier , Juventusfest , Take off-Fest , Feier des Erwachsenwerdens , Wegweiser-Projekt , Lebens-Fest sowie proJekt E . Die Suche nach einem geeigneten Sammelbegriff steht dabei vor mehreren Herausforderungen: Zum einen muss er diese Feiern in ihrer inhaltlichen Profilierung hinreichend von dem ebenfalls als Jugendfeier bezeichneten Passageritual vor allem des Humanistischen Verbands Deutschlands e. V. unterscheiden. Soll dies durch ein entsprechendes Attribut geschehen, so zeigt sich, dass mögliche Sammelbegriffe wie Christliche Jugendfeiern oder Segensfeiern aufgrund ihrer mangelnden Verallgemeinerbarkeit ausscheiden. Erstens werden die Jugendlichen nicht in allen Feiern gesegnet und zweitens kann die christliche Profilierung dieser Initiativen untereinander durchaus stark divergieren. Der Begriff Christliche Jugendfeiern könnte also allenfalls auf das Selbstverständnis der Veranstaltenden referieren. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff Kirchliche Jugendfeiern . Zwar würde mit ihm die trägerschaftliche Anbindung dieser Feiern nach außen hin kenntlich gemacht und auch die Unterscheidung zum Selbstverständnis von Konfirmation und Firmung angezeigt, allerdings gelingt es ihm auf der anderen Seite nicht, das den Feiern innewohnende Distanzierungsmoment gegenüber „Kirche“ - gerade auch im Vergleich zu Konfirmation bzw. Firmung - hinreichend zum Ausdruck
zu bringen. Wie stark die kirchlichen Mitarbeitenden tatsächlich in diese Feiern involviert sind (es gibt Feiern, die mittlerweile allein durch die Mitarbeitenden einer Schule in kirchlicher Trägerschaft verantwortet werden), stellt sich in der Praxis unterschiedlich dar.
Religionstheoretisch wird ein solches Distanzierungsmoment am besten durch die inhaltliche Präzisierung der Feiern als Religiöse Jugendfeiern zum Ausdruck gebracht. Die christliche Imprägnierung des Religionsbegriffs, die dessen Verwendung für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlicher infrage stellt, kann an dieser Stelle geradezu produktiv in Anschlag gebracht werden: Religiöse Jugendfeiern bewegen sich im christlich-religiösen Spektrum und werden von den Teilnehmern unter dieser Profilierung in Anspruch genommen. Da allerdings auch Konfirmation und Firmung unter einer phänomenologischen Perspektive als religiöse Jugendfeiern bezeichnet werden könnten, markiert die Großschreibung hier die Verwendung als Sammelbegriff für kirchlich (mit-) verantwortete Alternativen zur Jugendweihe/Jugendfeier. Obwohl diese Feiern nicht von allen Veranstaltern selbst ausdrücklich auch als „religiös“ bezeichnet werden würden, lassen sich vielfältige Elemente auffinden, die diese Bestimmung rechtfertigen (Themen der Vorbereitungsarbeit; mögliche (christlich-) religiöse Elemente während der Feier wie z. B. ein Gebet, das Anzünden von Kerzen, überwiegend die Segnung, eine in einer religiösen oder auch dezidiert christlichen Perspektive deutende Ansprache). Damit wird das produktive Potenzial des (christlich geprägten) Religionsbegriffs genutzt, mit welchem (christlich-)religiöse Elemente auch in vermeintlich nicht religiösen Feiern aufgefunden werden können. Zugleich bleibt festzuhalten, dass es sich beim Begriff Religiöse Jugendfeiern nur um einen heuristischen handeln kann, der zwar grundlegende Aspekte dieser Feiern phänomenologisch zu bestimmen vermag, allerdings seine christliche Einfärbung wiederum nur implizit voraussetzt.
Die Entstehungsgeschichte Religiöser Jugendfeiern
Die Entstehung Religiöser Jugendfeiern ist eng mit der Geschichte des Gegenübers von Jugendweihe und Konfirmation auf dem Gebiet der ehemaligen DDR verknüpft. Recht schnell zeigte sich nach den gesellschaftspolitischen Veränderungen von 1989/90, dass die Teilnahme an der Jugendweihe zwar nicht mehr - wie noch 1989 - über 97 Prozent aller ostdeutschen Jugendlichen erreichte, jedoch weiterhin mindestens ein …
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Der vollständige Artikel umfasst 14 Seiten
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