I - 5.8.6 Hannah Arendt: Die politische Denkerin als Religionsforscherin [Hannah Arendt: The political thinker as religious researcher] Lara Kuwert
Zusammenfassung
Der Artikel bietet eine umfassende Analyse der vielfältigen Denkansätze und Werke Hannah Arendts, einer bedeutenden Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Außerdem stellt er Hannah Arendts Bedeutung als eine Religionsforscherin dar. Beleuchtet werden ihre Biografie, ihre wichtigsten Theorien und deren Relevanz für die Gesellschaft, insbesondere im Kontext der Religionswissenschaft. Dabei werden zentrale Themen wie das Pariaund Parvenu-Konzept, das Böse - insbesondere das radikal und das banal Böse - sowie ihre Ansichten zu Religion, Revolution und Säkularisierung behandelt. Der Text zeigt auf, wie Arendt ihre eigenen Erfahrungen, etwa die Flucht vor dem Nationalsozialismus und der Shoa, in ihre wissenschaftliche Arbeit einfließen ließ und wie ihre Theorien bis heute nachwirken. Zudem werden kritische Aspekte ihrer Haltung zu Minoritäten, Rassismus und eurozentristischen Perspektiven diskutiert. Insgesamt vermittelt der Artikel ein differenziertes Bild von Arendts Denken, ihrer Bedeutung für die Religionswissenschaft und ihrer Rezeption in der Gegenwart.
Schlagwörter: politische Theologie, säkulare Moderne, Minoritätenforschung, jüdische Emanzipation, Verantwortungsethik, Exil und Staatenlosigkeit, das Böse
Summary
This article offers a comprehensive analysis of the diverse intellectual approaches and works of Hannah Arendt, one of the most significant thinkers of the 20th century. It also highlights Arendt’s relevance as a scholar of religion. The text examines her biography, key theories, and their relevance to society,
Submitted October 3, 2025, and accepted for publication January 15, 2026 Editor: Dolores Zoé Bertschinger
particularly within the context of religious studies. Central themes include the concepts of the pariah and the parvenu, the nature of evil - especially radical and banal evil-as well as her views on religion, revolution, and - secularization. The article demonstrates how Arendt’s personal experien ces, such as her flight from National Socialism and the Shoah, informed her academic work and how her theories continue to resonate today. It also addresses critical perspectives on her views regarding minorities, racism, and Eurocentrism. Overall, the article presents a nuanced portrait of Arendt’s thought, her significance for the study of religion, and her reception in contemporary discourse.
Keywords: Political theology, Secular modernity, Minority studies, Jewish emancipation, Ethics of responsibility, Exile and statelessness, Evil
1 Einleitung
Kaum eine Denkerin des 20. Jahrhunderts erfährt heute noch so viel öffentliche Aufmerksamkeit wie Hannah Arendt. Modern, relevant und visionär - so wird sie beschrieben;1 „[her] scholarly and popular profile is higher today than at any time since she died […]. It is hard to name another thinker of the twentieth century more sought after as a guide to the dilemmas of the twenty first.“2 In Medien, Wissenschaft und politischer Bildung gilt sie als prägende Intellektuelle. Ob in Debatten über Flucht, Totalitarismus oder gesellschaftliche Verantwortung - Arendts Denken bleibt aktuell. So war ihr 1951 erschienenes Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft nach der Wahl Donald Trumps 2016 in vielen Büchereien ausverkauft.3
Ihr Fernsehinterview mit Günter Gaus von 1964, das breite Beachtung fand, steht exemplarisch für das große Interesse an ihrer Person.4 Arendt hinterließ über 400 Schriften zu Macht, Freiheit, dem Bösen, Revolutionen und dem Judentum.5 Ihre Theorien sind stark durch persönliche Erfahrungen geprägt, doch sie entwickelte daraus Konzepte von universeller Tragweite.6 In der Religionswissenschaft wurde ihr Werk bislang kaum systematisch rezipiert, obwohl es wichtige Impulse bietet: etwa zur Rolle von Religion im politischen Raum, zur Verbindung von Religion und sozialer Gerechtigkeit sowie zur Säkularisierung. Auch ihre Überlegungen zu jüdischer Identität und gesellschaftlicher Ausgrenzung eröffnen wertvolle Perspektiven.
2 Biografie und historischer Kontext
Hannah Arendt (1906-1975)7 wuchs in einem jüdisch geprägten, zugleich stark assimilierten Milieu auf und studierte in Marburg, Freiburg und Heidelberg. Ihre frühen Arbeiten - etwa zur Liebeskonzeption bei Augustin - verbinden philosophische Problemstellungen mit Fragen nach Tradition, Autorität und Sinnhorizonten, die später auch für ihre Religionsanalysen leitend werden.8
Mit der …
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Der vollständige Artikel umfasst 16 Seiten
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