Gottschöpfung und Lebensgläubigkeit. Lou Andreas-Salomé zwischen Religionswissenschaft und Lebens-Theologie der Moderne [God creation and belief in life. Lou AndreasSalomé between the study of religion and modern life theology] David Atwood
Zusammenfassung
Lou Andreas-Salomé, geborene Louise von Salomé, gehört längst in die Klassiker:innenliste der Religionswissenschaft. Ihre bisherige Nichtbeachtung hat mehrere Gründe, die mit ihrer Rezeption als einer „Freundin/ Geliebten/Begleiterin von …“ und damit bei einer patriarchalen Wissenschaftsgeschichte einen Anfang nehmen. Die schleppende Rezeption steht ihrer großen Bedeutung im Geistesleben der Jahrzehnte von 1890 bis 1930 gegenüber und erstaunt insbesondere mit Blick auf die Religionswissenschaft, insofern viele ihrer Aufsätze und Arbeiten gerade dieser neuen Disziplin zugeordnet werden können. Nur leicht anachronistisch kann man von ihrer Religionstheorie als einer der Bricolage-Religiosität avant la lettre sprechen: Das, was heute unter Begriffen der Spiritualität, der Religiosität oder der Bricolage diskutiert wird, finden wir bei Lou Andreas-Salomé im Begriff der „Religiosität außerhalb des Glaubens“. Ihr Schreiben verbindet somit die zeitgenössischen Religionskritiken mit einem wissenschaftlichen sowie einem lebensphilosophischen Interesse, was sie nicht nur als religionswissenschaftliche, sondern auch als religionsproduktive Autorin auszeichnet und damit konstitutive Disziplingrenzen der Religionswissenschaft irritiert, aber eben auch produktiv anregt.
Schlagwörter: Religionspsychologie, Individualität, Spiritualität
Submitted October 3, 2025, and accepted for publication February 2, 2026 Editor: Dolores Zoé Bertschinger
Summary
Lou Andreas-Salomé, born Louise von Salomé, should have been included in the list of classics in the study of religion long ago. There are several reasons for her previous neglect, which stem from her reception as a „friend/ lover/companion of...“ and thus from a patriarchal history of knowledge. The slow reception contrasts with her great importance in the intellectual life of the decades from 1890 to 1930 and is particularly surprising in the field of the study of religion, given that many of her essays and works can be assigned to this new discipline. It is only slightly anachronistic to speak of her theory of religion as a form of bricolage religiosity avant la lettre : what is discussed today under the terms spirituality, religiosity, or bricolage can be found in Lou Andreas-Salomé’s concept of „religiosity outside of faith.“ Her writing thus combines contemporary critiques of religion with an interest in science and philosophy of life, which distinguishes her not only as a scholar of religion but also as a religiously productive author, thereby blurring the boundaries of the study of religion as a discipline, but also stimulating it in a productive way.
Keywords: Religious psychology, individuality, spirituality
1 Einleitung
Die schillernde Biografie von Lou Andreas-Salomé spiegelt eine für die Kultur- und Geisteswissenschaften charakteristische Geschichte wider: sie bewegt sich zwischen den beiden Polen einer Stilisierung zur Muse durch die sie umgebenden Männer einerseits und der Betonung ihrer wissenschaftlichen Eigenständigkeit in der jüngeren Forschung andererseits. Ihre umfassende und vielfältig künstlerische sowie schriftstellerische Tätigkeit als Romanautorin mag ein weiterer Grund für die nach wie vor geringe Wahrnehmung als Religionswissenschaftlerin sein, denn sie fehlt bisher in den einführenden Werken zur Religionswissenschaft. Dies, obschon sie ihr ganzes Leben lang intensiv religionswissenschaftlich gearbeitet, sich intensiv mit dem zeitgenössischen Forschungsstand (etwa von Max Müller, Wilhelm Brandt und Robertson Smith) beschäftigte und dabei Perspektiven entwickelt hat, die heute eher als postmodern denn als modern zu bezeichnen wären.1 Sie betonte die individuelle Seite der Religiosität und des Gottesglaubens, den sie immer wieder psychologisch
beleuchtete und aus dieser Perspektive heraus die historisierende Genese des Gottesglaubens beleuchtete. Gleichzeitig wusste sie um die große Sozialisationskraft der menschlichen Institutionen.
Sie war eine psychologisch argumentierende und sowohl historisch als auch philosophisch gebildete Religionsforscherin, die gleichzeitig einen starken lebensphilosophischen Impuls verspürte, der in ihren Schriften immer wieder deutlich zum Tragen kommt. Sie war nicht nur mit vielen zeitgenössischen Intellektuellen befreundet, sondern wurde von vielen Autor:innen wie Friedrich Nietzsche, Sigmund und Anna Freud oder Poul Bjerre hochgeachtet. Diese Facetten ihres Wirkens und Denkens geben uns Hinweise darauf, wieso es zwar unzählige Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge sowie sogar einen Spielfilm über Lou Andreas-Salomé (2016) gibt, aber nur wenig genuin religionswissenschaftliche …
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 12 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 12 Seiten