XIII - 16.7 Tiere der Schöpfung - Schöpfung der Tiere. Einblicke in die Mensch-Tier-Beziehungen in hinduistischen Schöpfungsmythen [Animals of Creation - Creation of animals. Insights into human-animal relationships in Hindu creation myths]
Rike Hegemann
Zusammenfassung
Für den Betrachter einer Gesellschaft, deren religiöse Vergangenheit sich hauptsächlich als monotheistisch versteht, ist es bisweilen schwierig zu beurteilen, wie polytheistische oder atheistische Vorstellungen von der Welt die Beziehung zwischen Mensch und Tier definieren und welche moralischen Vorstellungen daraus hervorgehen. Der Hinduismus kennt eine Vielzahl deistischer und nicht-personaler Schöpfungsmythen: doch wie passen Wiedergeburtslehre und Heilige Kuh zusammen? Anhand einer Auswahl der bekanntesten hinduistischen Schöpfungsmythen (darunter Puruṣa, Hiraṇyagharba, Samudra Manthana und die Daśāvatāra) wird gezeigt, welche Rolle Tiere in der Schöpfung spielen können. Sie sind die Geschöpfe, die bei der Schöpfung entstehen, helfen jedoch auch mit und übernehmen tragende Rollen.
Wie eine moralische Botschaft zum Umgang des Menschen mit der Umwelt aus diesen Schöpfungsmotiven abgeleitet werden kann, wird am Schluss debattiert.
Schlagwörter: Hinduismus, Schöpfung, Anthropomorphismus, Teriomorphismus, Urei, Milchozean, Mutter Erde
Summary
For the observer of a society whose religious past considers itself primarily monotheistic, it is particularly difficult to judge how polytheistic or atheistic ideas about the world define the relationship between humans and animals
Submitted August 13, 2025, and accepted for publication March 03, 2026 Editor: Maike Maria Domsel
and what moral ideas arise from this. Hinduism recognizes a multitude of deistic and impersonal creation myths: but how do the doctrine of reincarnation and the sacred cow fit together? Using a selection of the most wellknown Hindu creation myths (including Puruṣa, Hiraṇyagharba, Samudra Manthana, and the Daśāvatāra), the role animals can play in creation is demonstrated. They are the creatures that come into being during creation, but they also assist and assume supporting roles.
How a moral message regarding humankind’s interaction with the environment can be derived from these creation motifs is discussed in the conclusion.
Keywords: hinduism, creation, anthropomorphism, teriomorphism, cosmic egg, milk ocean, mother earth
1 Einleitung
In Bezug auf die Rolle des Tieres im Hinduismus und der Verantwortung des Menschen gegenüber der Schöpfung verzerren Heilige Kühe und vegane Buddha-Bowl-Rezeptbücher bisweilen unser westliches Bild zu einer pazifistischen Idealvorstellung, die uns dazu verleitet, den Hinduismus auf die Wiedergeburtslehre und das Ahiṃsā-Gebot zu reduzieren. Schöpfungsgeschichten können uns dabei helfen zu verstehen, welchen Stellenwert Tiere, oder die Natur allgemein, im hinduistischen Glauben einnehmen, welche moralischen Verpflichtungen für den Menschen daraus hervorgehen und welches Handlungspotenzial ihm gegeben wird, diesen Verpflichtungen nachzukommen.
Die Traditionen, Philosophien und Glaubensrichtungen, die sich zum Hinduismus zusammensetzen, stützen sich hinsichtlich ihrer Schöpfungsmythen auf verschiedene, meist Jahrhundertealte religiöse Texttraditionen und halten sie durch ihre Rezitation und Interpretation lebendig. Das Repertoire, auf das hierbei zurückgegriffen werden kann, ist einzigartig vielseitig. Doch so wichtig es ist, die Vielfalt und Vielgestaltigkeit der unzähligen hinduistischen Strömungen zu thematisieren, wäre es verheerend, den Hinduismus als undurchschaubares Chaos darzustellen.1 Vielmehr sollte er betrachtet werden wie ein großer Teppich, in dem jede seiner Traditionen als ein aus mehreren Fäden gestaltetes Geflecht ebenso zu Struktur, Halt und Aussehen beiträgt wie die Fäden anderer Traditionen, auch wenn diese anders aussehen, anders beschaffen sind oder andere Funktionen übernehmen.
Da eine vollständige empirische Textanalyse aller Quellen hinduistischer Schöpfungsmythen unmöglich ist, soll im Folgenden ein kurzer Überblick eine Auswahl ermöglichen und eine Herangehensweise legitimieren. Die Einteilung in religionswissenschaftliche Kategorien agiert hierbei als Darstellungsform des derzeitigen Forschungsstandes.
_1.1 Schöpfung, Ursprungsmythos, Kosmogonie und Antikosmogonie[2]_
Da Zeit nicht zwangsläufig als linear wahrgenommen wird und Vorstellungen von Geburt und Wiedergeburt auf das Universum übertragen werden können, wird die Schöpfung weniger als ein einmaliges Ereignis und vielmehr als ein gradueller Prozess interpretiert, in dem das Universum selbst Phasen der Zerstörung und Neuschöpfung durchlebt.3 Es bliebe daher zu debattieren, ob es nur die eine Schöpfung gibt, oder ob Schöpfung nicht auch bedeuten …
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Der vollständige Artikel umfasst 19 Seiten
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