Sacherl, Christliche Tierethik: Mitgeschöpflichkeit und Verantwortung

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XIII - 16.1 Christliche Tierethik: Mitgeschöpflichkeit und Verantwortung [Christian Animal Ethics: Co-Creatureliness and Responsibility] Johanna Maria Sacherl Zusammenfassung Der Beitrag widmet sich dem Verhältnis von Mensch und Tier im Christentum aus theologisch-ethischer Perspektive. Ausgangspunkt ist eine Auseinandersetzung mit anthropozentrischen Denktraditionen, gegenüber denen sich Neuausrichtungen in Theologie und Philosophie abgrenzen. Anschließend werden biblische Befunde (Schöpfung, Soteriologie, Eschatologie) aufgezeigt, bevor katholische, protestantische und orthodoxe Theologien diese zu ethischen Perspektiven entwickeln. Der Artikel zeigt, wie progressive tierethische Einsichten und gelebte Praxis oft auseinanderklaffen, und verdeutlicht Möglichkeiten einer theologisch reflektierten Tierethik, die sich rationaler Begründbarkeit verpflichtet weiß und dem Eigenwert tierlichen Lebens gerecht wird. Schlagwörter: Anthropozentrismus, Philosophie, Tierethik, Schöpfung, Eschatologie, Empfindungsfähigkeit, Gerechtigkeit, christliche Tierethik, Mitgeschöpflichkeit, Verantwortung Summary This article examines the human-animal relationship in Christianity from a theological-ethical perspective. It begins with an engagement with anthropocentric intellectual traditions, against which contemporary developments in theology and philosophy position themselves critically. After presenting biblical findings on creation, soteriology, and eschatology, it explores how Catholic, Protestant, and Orthodox theologies translate these themes into ethical perspectives. The article demonstrates the persistent gap between progressive animal-ethical insights and actual practice, while highlighting Submitted August 13, 2025, and accepted for publication March 03, 2026 Editor: Maike Maria Domsel the potential of theologically informed animal ethics that grounds itself in rational argumentation and respects the intrinsic value of animal life. Keywords: Anthropocentrism, Philosophy, Animal Ethics, Creation, Eschatology, Sentience, Justice, Christian Animal Ethics, Co-Creatureliness, Responsibility Einleitung Der Umgang zwischen Mensch und Tier spielt seit einigen Jahren eine zunehmend wichtige Rolle in theologischen und gesellschaftlichen Debatten. Christliche Tierethik gründet auf den Leitmotiven der Mitgeschöpflichkeit und Verantwortung, deren Bedeutung sich im Spannungsfeld zwischen traditionellen Auslegungen und gegenwärtigen Anforderungen bewegt. Im Zentrum der Diskussion steht das Bemühen, Maßstäbe für einen gerechten Umgang mit Tieren zu finden, die dem Eigenwert tierischen Lebens Rechnung tragen und kirchliche wie soziale Transformationsprozesse begleiten. Dieser Artikel fokussiert zunächst die historische Entwicklung des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier, die von anthropozentrischen Denktraditionen über philosophische und theologische Neuausrichtungen reicht. Daran schließt sich eine Betrachtung zentraler biblischer Befunde für das Verhältnis zwischen Mensch und Tier an, bevor theologische (schöpfungstheologische, soteriologische und eschatologische) und ethische Perspektiven aus katholischer, protestantischer und orthodoxer Sicht skizziert werden. 1 Denktraditionen und Umbrüche In den vergangenen Jahrzehnten sind die Stimmen für unsere Mitgeschöpfe innerhalb von Theologie und Kirche deutlich zahlreicher geworden. Gleichzeitig waren es anthropozentrische Perspektiven (d. h., der Mensch und seine Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt allen Handelns), die das Christentum und grundsätzlich den Umgang der Menschen mit den Tieren über Jahrhunderte prägten. _1.1 Anthropozentrische Positionen_ Die mittelalterliche und frühe neuzeitliche Theologie etabliert ein Hierarchiedenken zwischen Mensch und Tier, das auf der Vernunft als Unterscheidungs- merkmal gründet. Augustinus von Hippo (354-430) begründet dies theologisch vor dem Hintergrund des Herrschaftsauftrags: Der Mensch hebe sich durch Vernunft von Tieren ab und dürfe diese nach seinen Bedürfnissen nutzen oder töten.1 Thomas von Aquin (1225-1274) folgt diesem Gedanken: Tiere würden um des Menschen willen erhalten werden, nicht um ihrer selbst willen, da ihnen die Vernunftfähigkeit fehle.2 Auch er bezieht sich auf den Herrschaftsauftrag, der häufig zu vereinfachenden Deutungen menschlicher Macht führte.3 Diese Position radikalisiert sich in der Neuzeit. René Descartes (1596-1650) erklärt Tiere zu bloßen Automaten - Maschinen ohne Empfindungsfähigkeit, deren Laute dem Quietschen einer Uhr glichen4 und die rein mechanisch „funktionierten“.5 Immanuel Kant (1724-1804) erkennt Tieren zwar Empfindungsfähigkeit zu, spricht ihnen aber mangels Vernunft …
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